19.03.2019

Theologe sieht im Wissenschaftsjahr eine Chance für die Kirchen "Herausforderung durch Künstliche Intelligenz ist offenkundig"

Am Dienstagabend wird das Wissenschaftsjahr 2019 in Berlin eröffnet. Diesmal geht es um das Großthema Künstliche Intelligenz - das auch für die Kirchen eine wichtige Rolle spielt. Ein Interview über Sprachassistenten und Segensroboter.

KNA: Was könnten die Kirchen zum Wissenschaftsjahr zu KI beitragen?

Christian Grethlein (Münsteraner Theologe und Forscher der "Geistlichen Handlungen und Künstlicher Intelligenz)": Impulse von den Kirchen erhoffe ich mir in Bezug auf ethische Fragen. Die ethische Herausforderung im Zusammenhang mit KI ist offenkundig. Bei verschiedenen Themen sollte sich die Kirche positionieren: zur Bedeutung von Pflegerobotern bis hin zu Cyborg-Konstruktionen, die wir heute bereits in Herzschrittmachern finden.

KNA: Was könnten die Kirchen ihrerseits lernen?

Grethlein: Sie könnten sicher Impulse für ihre Kommunikation aufnehmen, denn da besteht erheblicher Innovationsbedarf. Die Digitalisierung hat die Grundbedingungen von Kommunikation vollständig verändert. Wir wissen noch nicht, wie weit diese Veränderungen, die sich in 20 Jahren vollzogen haben, tatsächlich reichen werden. Gerade bei der jüngeren Generation zeigt sich jedoch schon jetzt ein erheblich verändertes Kommunikationsverhalten - und darauf muss sich die Kirche einstellen.

KNA: Ist das Thema bei den Kirchen präsent genug?

Grethlein: Präsent ist das Thema. Klar ist aber häufig noch nicht, dass Kommunikation über die Sozialen Medien weniger hierarchisch verläuft und vielmehr über glaubwürdige Einzelne. Aus evangelischer Sicht ist das ein großer Moment, weil über die Sozialen Netzwerke zum ersten Mal so etwas wie das Priestertum aller Getauften möglich wird, also eine reformatorische Erkenntnis verwirklicht werden kann - und kirchliche Kommunikation nicht länger hierarchisch stattfindet.

KNA: Manches ist bereits sehr konkret, etwa der Segensroboter der evangelischen Kirche. Wie bewerten Sie solche Vorstöße?

Grethlein: Es kommt auf die Zusammenhänge an, in denen solche Projekte umgesetzt werden. Der Segensroboter war bei der Weltausstellung in Wittenberg in räumlicher Nähe der Lichtkirche positioniert, und es standen Menschen für einen Austausch bereit. Es braucht eine Verbindung zwischen Menschen und der Kommunikation über Roboter.

KNA: Manche Menschen haben damals gesagt, von einem Roboter lasse ich mich segnen, von einem Geistlichen eher nicht. Könnten Roboter ein Vehikel sein, um kirchenferne Menschen anzusprechen?

Grethlein: Hier geht es tatsächlich zuerst um Inhalte. Der Segensroboter hat biblische Segenssprüche verwendet; keine zufällig erfundenen Inhalte, sondern solche, mit denen Gläubige seit 2.000 Jahren leben. Die Theologie muss darauf achten, dass inhaltlich verantwortlich gehandelt wird - das kann kein Roboter garantieren.

KNA: Die Diskussion erinnert ein wenig an die Frage, ob ein Segen via Fernsehen oder Radio überhaupt "gilt".

Grethlein: Es ist traurig, dass immer erst einmal Abwehrschlachten geführt werden. Die Kirchen brauchen offenbar zu viel Zeit, bis sie erkennen, dass solche Formate für viele Menschen einen Zugang zu Spiritualität eröffnen können. Im Winterhalbjahr sehen bisweilen mehr Menschen den Fernsehgottesdienst, als Menschen in die Kirchen kommen - insbesondere ältere oder kranke Personen, die keine Kirche erreichen könnten. Insofern sollte gelegentliche Skepsis keinen Theologen davon abhalten, nach neuen Möglichkeiten zu suchen.

KNA: Über Pflegeroboter oder das autonome Fahren wird viel diskutiert. Ist der Hype angemessen?

Grethlein: Wir müssen diese Debatten führen. Dahinter steht die sehr ernsthafte Frage, was den Menschen zum Menschen macht. Im Silicon Valley wird an Nicht-Sterblichkeit geforscht. Da scheint eine Schwelle überschritten zu sein - jedenfalls für Christen, für die die Sterblichkeit zur Schöpfung dazugehört. In diesen Fällen sind auch kritische Stimmen gefragt.

KNA: Um Risiken von Künstlicher Intelligenz geht es häufig. Wo sehen Sie Chancen?

Grethlein: Pflegeroboter können beispielsweise Menschen, die an Demenz erkrankt sind, emotional erreichen und stabilisieren, manchmal sogar aus einem schweren Schub "wecken". Das ist eine große Chance. Der Einsatz solcher Roboter darf aber nicht dazu führen, dass sich Menschen aus der Pflege zurückziehen, sondern kann nur ein zusätzliches Angebot sein.

KNA: Hat sich das Menschenbild durch KI bereits verändert?

Grethlein: Es hat sich schon viel verschoben. Für Vierjährige ist es heute normal zu sagen "Alexa, mach Musik" - der Sprachassistent ist ein selbstverständlicher Teil ihrer Lebenswelt. Auf den Großvater wirkt das erstaunlich. Wir Älteren müssen aufpassen, dass wir unseren Lebensstil nicht normativ setzen, sondern die Möglichkeiten der Jüngeren erkennen - und sie auf diesem Weg begleiten. Die öffentliche Debatte sollte generationenübergreifend stattfinden. Letztlich geht es bei allen Umwälzungen darum, die Chancen zu erkennen und zu nutzen.

KNA: Manche fürchten eine Art allwissende Künstliche Intelligenz, die bisweilen mit Gott verglichen wird. Ein passender Vergleich?

Grethlein: Der israelische Bestsellerautor Yuval Noah Harari spricht von der "data religion". Das ist für mich ein Punkt, an dem wir Menschen uns überschätzen. Die Kirchen müssen daran erinnern, dass wir Menschen begrenzt sind - an das, was Friedrich Schleiermacher die "schlechthinnige Abhängigkeit des Menschen" genannt hat.

KNA: Wie können die Kirchen das verdeutlichen, wenn auf der Gegenseite die Unsterblichkeit lockt?

Grethlein: Vollständige Unsterblichkeit ist illusorisch, aber durch entsprechende Betreuungsintervalle könnte wohl das menschliche Leben erheblich verlängert werden. Zugleich beobachten wir eine zunehmende Suizidalität von Hochbetagten. Die Betroffenen haben bislang keine Stimme, das müsste sich ändern. Die Kirchen haben immer vollmundig von Ostern und der Auferstehung gepredigt. Jetzt müsste die Predigt darüber hinzukommen, welchen Sinn die menschliche Sterblichkeit hat: dass sie zum Beispiel von Allmachtsfantasien erlöst, für die der Mensch offenbar anfällig ist.

Das Interview führte Paula Konersmann.

(KNA)

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