17.10.2018

Nationale Armutskonferenz stellt "Schattenbericht" vor Deutschland arbeitet mehr, wird aber ärmer

Die deutsche Wirtschaft brummt. Noch nie war die Arbeitslosigkeit so gering. Also alles rosig? Mitnichten, findet die Nationale Armutskonferenz. Die Statisken trügen, denn trotz Arbeit reiche es für viele Menschen nicht zum Lebensunterhalt.

DOMRADIO.DE: Sie haben am Internationalen Tag zur Beseitigung der Armut an diesem Mittwoch Ihren sogenannten "Schattenbericht" vorgelegt. Was ist denn der zentrale Punkt in Ihrem Bericht, der in den Statistiken nicht auftaucht?

Barbara Eschen (Evangelische Pfarrerin und Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz): Ganz wesentlich beschäftigt uns, dass die Zahl der Menschen mit Erwerbs-Armut in letzter Zeit gestiegen ist. Zu den sogenannten "working poor" zählt eine Millionen Menschen bei uns in Deutschland. Darunter sind Menschen, die Minijobs haben oder Menschen in prekärer Beschäftigung, die zum Teil, obwohl sie hart arbeiten, zum Jobcenter gehen müssen, um Hartz IV zu beantragen. Das ist schon ziemlich katastrophal.

DOMRADIO.DE: Das heißt, wenn man sagt, die Arbeitslosenzahlen gehen zurück, dann ist das Schönrederei?

Eschen: Die Arbeitslosenzahlen gehen zurück. Das stimmt. Aber Arbeit und Arbeit ist zweierlei. Es gibt gute Arbeit, von der man gut leben kann und dann gibt es eben andere Arbeit, von der man nicht gut leben kann. Und von letzterer gibt es leider zu viel. In den letzten zehn Jahren hat sich diese Zahl verdoppelt: von 4,8 Prozent auf 9,6 der Beschäftigten.

DOMRADIO.DE: Wer ist schuld an dieser Entwicklung, dass zwar immer mehr Menschen den ganzen Tag arbeiten, es aber am Ende nicht zum Leben reicht?

Eschen: Das hängt auch mit den Hartz-IV-Gesetzen zusammen, weil die Zumutbarkeitsregeln sich so geändert haben, dass Menschen gezwungen werden auch Jobs anzunehmen, die eigentlich nicht für ihre Existenzsicherung sorgen. Es werden auch Sanktionen ausgesprochen. Das setzt die Menschen ganz schön unter Druck. Insofern hat sich dieser Sektor so ausgeweitet.

DOMRADIO.DE: Sie schreiben in dem Bericht: "Armut wird übersehen, geleugnet, beschimpft und bestenfalls gelindert". Fehlt es aus Ihrer Sicht an politischem Willen, diese Missstände wirksam zu bekämpfen?

Eschen: Ich glaube schon, dass sich zu viele Menschen - auch in der Politik - damit abfinden, dass es so ist wie es ist. Zwar ist der Mindestlohn eingeführt worden. Das muss man sagen. Das ist ein wichtiger Schritt. Alle haben gedacht, dann geht die Wirtschaft kaputt. Das ist sie aber nicht.

Aber da muss man weiter dran arbeiten. Das ist auch unsere Forderung, dass der Mindestlohn ordentlich angehoben wird, nicht in kleinen Schritten, sondern in ordentlichen Schritten, sodass Menschen auch wirklich von ihrer Arbeit leben können.

Und die Minijobs müssen abgeschafft oder eingedämmt werden, weil da eben auch viele Menschen hängenbleiben. Die kriegen einen Minijob und bleiben aber im Minijob. Davon kann man natürlich nicht leben. Da braucht man immer Hartz IV. Auch da muss eine Änderung erfolgen, damit Menschen wieder wirklich in Arbeit hineinkommen können.

DOMRADIO.DE: Also, "Berufstätigen-Armut" ist ein Problem, was wir aktuell haben?

Eschen: Das ist eines der Probleme. Das andere Problem, was wir haben, betrifft große Familien und Familien, die alleinerziehend sind, wo dann entweder nicht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingt oder wo aus anderen Gründen die Erziehenden zu Hause bleiben müssen. Da stimmt einfach die Ausstattung des Regelsatzes nicht. Weder für die Erwachsenen noch für die Kinder.

DOMRADIO.DE: Sie werfen der Bundesregierung vor, dass sie nicht aktiv die Armut bekämpft. Was müssen sie denn aus Ihrer Sicht jetzt als erstes machen?

Eschen: Leider müssen sie verschiedene Sachen gleichzeitig machen. Die Bundesregierung muss an den Mindestlohn anders rangehen. Wir brauchen eine Erhöhung der Regelsätze.

Wir brauchen aber als erstes eine Kindergrundsicherung, die dafür sorgt, dass nicht so viele Kinder in Armut sind. Immerhin steckt jedes fünfte Kind in Hartz IV und erlebt die ganzen Einschränkungen mit: Dass sie nicht genug für ihre Schule und fürs Schulmaterial haben, dass sie immer benachteiligt sind, dass sie immer ausgegrenzt sind, dass sich die Eltern bei den Tafeln anstellen müssen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, was natürlich auch die ganze Familie unter Druck setzt und negative Stimmung verbreitet. Also, da muss dringend was passieren.

(DR)

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