Besatzungsmitglieder des Rettungsschiffes "Lifeline" vor Malteser Gericht
Besatzungsmitglieder des Rettungsschiffes "Lifeline" vor Malteser Gericht
Axel Steier, Mitgründer von Mission Lifeline, im Hafen von Valletta
Axel Steier, Mitgründer von Mission Lifeline, im Hafen von Valletta

11.07.2018

"Lifeline"-Mitgründer zu Schlepper-Vorwürfen und Flüchtlingen "Sie sind auch bereit zu sterben"

Das Rettungsschiff "Lifeline" war fast eine Woche auf dem Meer blockiert, nachdem sie rund 230 Migranten vor Libyen gerettet hatte. Nun steht der Kapitän in Malta vor Gericht. Unterstützung bekommt die Initiative von Prominenten.

DOMRADIO.DE: Braucht es Promis wie Klaas Heufer-Umlauf und Jan Böhmermann, um gerade jüngere Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren?

Axel Steier (Mitgründer und Sprecher von Mission Lifeline): Ich glaube, die Katastrophen-Bilder sind es letztendlich, die die Menschen dazu bringen, irgendwie was zu tun und den Anstoß geben. Aber es ist natürlich wichtig, dass Intellektuelle und Prominente sich beteiligen. Das zeigt auch den Rückhalt der Gesellschaft.

DOMRADIO.DE: Schauen wir mal auf die Situation der "Lifeline" aktuell und beginnen vielleicht mal mit ihrem Kapitän, Claus-Peter Reisch. Der muss sich in Malta aktuell vor Gericht verantworten. Wie ist da seine Situation vor Ort?

Steier: Das ist natürlich eine schwierige Situation, auf Malta festgehalten zu werden. Eigentlich war die Mission ja schon längst vorbei. Das ist also individuell eine schwierige Situation für den Kapitän selbst. Für uns als Organisation heißt es, ihm den Halt zu geben, ihm den Rücken zu stärken und die beste Verteidigung zu beschaffen.

DOMRADIO.DE: Sechs Tage lang ist Ihr Schiff "Lifeline" vorher auf dem Mittelmeer umhergeirrt. Wie können die Menschen an Bord so eine Situation ertragen?

Steier: Im ersten Moment, bei der Rettung selbst, atmen alle tief durch: Okay, wir haben es geschafft, wir haben überlebt. Dann kam die libysche Küstenwache. Das war nochmal sehr aufregend für die Menschen. Einige wären da auch ins Wasser gesprungen, wenn die libysche Küstenwache sie mitgenommen hätte, weil die Zustände dort so schlimm sind und auch die libysche Küstenwache nicht den besten Ruf hat. Dann in der Folge wurde es immer schwieriger, den Menschen irgendwie Sicherheit und Vertrauen zu geben und zu sagen: "Wir lassen euch nicht im Stich. Wir bringen euch in den sicheren Hafen." Das hat sich zugespitzt über die Tage.

DOMRADIO.DE: Die Frage ist ja auch, wie das ganze Thema in Zukunft weitergehen kann. Italiens Innenminister Matteo Salvini hat angekündigt, künftig Schiffen mit geretteten Migranten die Einfahrt in italienische Häfen zu verweigern. Wie gehen Sie mit solchen Warnungen um?

Steier: Das hat der italienische Innenminister ja auch schon getan. Gestern hat er ein Frachtschiff, ein "Offshore Supply Ship", wie man so schön sagt, nicht eingelassen und auch schon in der Vergangenheit ist es passiert. Wir haben verschiedene Strategien, wie wir damit umgehen. Einerseits besteht sozusagen das Recht darauf eine Hafeneinfahrt zu bekommen. Das muss man sich dann einklagen, das ist das eine. Auf der anderen Seite geht es natürlich auch darum, dass man entsprechend politischen Druck aufbaut, dass man letztendlich die Geretteten an einen sicheren Hafen bringen kann.

DOMRADIO.DE: Jetzt gibt es von Kritikern ja immer wieder diesen Vorwurf, private Seenotretter, so wie sie es sind, würden Schlepper indirekt unterstützen, weil sie Menschen motivieren sich überhaupt erst auf den Weg über das Mittelmeer zu machen. Was sagen sie denen?

Steier: Wer die Zustände in Libyen oder in anderen nordafrikanischen Staaten kennt, der weiß ziemlich genau, dass das keine Rolle spielt, ob da ein Schiff draußen herumfährt oder nicht. Die Leute fliehen einfach. Das nennt man "Push-Faktoren". Da wird gefoltert, vergewaltigt und es sind schlimmste Verhältnisse im Bürgerkrieg in Libyen. Da spielt es für die Menschen keine Rolle, ob sie gerettet werden oder nicht. Sie sind auch bereit zu sterben.

Ich glaube, das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die Wahrscheinlichkeit auf ein Rettungsschiff zu treffen: Sie beträgt ungefähr 10 Prozent, wenn man die Gesamtgröße des Suchgebietes betrachtet. Da sind die Möglichkeiten für ein Rettungsschiff, die Menschen überhaupt zu finden, gering. Das kann also keine Rolle spielen, spielt auch keine Rolle.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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