Armut erzeugt auch Sozialneid
Armut erzeugt auch Sozialneid
Pfarrer Franz Meurer
Pfarrer Franz Meurer
Bezahlbare Wohnungen fehlen vor allem in den Großstädten
Bezahlbare Wohnungen fehlen vor allem in den Großstädten

20.06.2018

Sozialpfarrer Meurer über Flüchtlinge und Sozialneid "Eine Aufgabe für uns alle"

Wer selber meint, zu kurz zu kommen, sucht die Schuld bei anderen - auch bei Flüchtlingen. "Natürlich gibt es so etwas wie Sozialneid", sagt der Kölner Sozialpfarrer Franz Meurer. Eine Aufgabe, der sich vor allem die Kirche stellen müsse.  

DOMRADIO.DE: Sie haben tagtäglich mit ärmeren Menschen zu tun, bekommen also auch deren Ängste aus der Nähe mit. Wie wird denn da das Thema Flüchtlinge besprochen?

Franz Meurer (Pfarrer in den Kölner Stadtteilen Höhenberg und Vingst): Natürlich gibt es sowas wie Sozialneid. Gestern bei der Lebensmittelausgabe sagte mir zum Beispiel ein Mann, die Ausländer würden vorgezogen. Das ist natürlich Quatsch. Die werden nicht vorgezogen, die werden nur genauso ordentlich behandelt, wie die anderen 300 bis 350 Leute, die Lebensmittel bekommen, auch. Aber das ist ein normales Phänomen: "Wenn man selber meint, man kommt zu kurz, man muss unter schlimmen Bedingungen leben, sucht man die Schuld schnell bei anderen. Und da helfen auch Zahlen nicht, dass man zum Beispiel auf den Libanon verweist oder auf die Türkei, wo 3,5 Millionen Flüchtlinge leben. Das bringt nichts. Genauso ist es beim Thema Kriminalität: Die Kriminalität geht zurück. Aber ältere Menschen, die allein unterwegs sind, fühlen sich trotzdem nicht sicher.

Was kann man da machen? Aus meiner Sicht muss man die Dinge ins Verhältnis setzen. In Köln fehlen insgesamt 60.000 Wohnungen. Um Flüchtlinge unterzubringen, bräuchte man dagegen allerhöchstens 2.500 bis 3.000 Wohnungen. Das heißt: Arme Menschen bekommen keine Wohnung. Wir hatten hier eine Familie mit acht Kindern auf drei Zimmern. Die Eltern haben in der Küche geschlafen. Das ist Realität. Mir wäre es sehr recht, dass wir gerade als Christen sagen: "Was kann unser Beitrag sein?" Zum Beispiel müssen die Wohnungsbaugesellschaften des Erzbistums Gas geben. Der Kardinal hat das begriffen. Er hat hier in Kalk Wohnungen extra für Flüchtlinge gebaut. Aber da ist natürlich noch extrem viel mehr drin. Das wäre mein Appell.

DOMRADIO.DE: Und sind die Befürchtungen denn berechtigt, dass arme Menschen weniger bekommen?

Meurer: Wir bräuchten 60.000 Wohnungen in Köln. Da ist doch die Wohnungsnot der Flüchtlinge ein Randphänomen. Ich bekomme jede Woche mindestens 15 Anfragen, ob ich nicht bei der Wohnungssuche helfen kann. Ich kann es überhaupt nicht - Null Komma Null - denn, wenn ich es zum Beispiel bei der GAG (Die GAG Immobilien AG ist das größte Wohnungsunternehmen im Raum Köln, Anm. d. Red.) einmal schaffen würde, wäre ich doch verbrannt. Dann würden die sagen: "Was will der Mann schon wieder?" Wir dürfen die Situation nicht unter der Neid-Überschrift sehen. Das ist ein typisches Mittelstandsphänomen. Leute, denen es gut geht, haben solche Phantasien nach dem Motto: "Die anderen sind doch neidisch."

Nein, der, dem es dreckig geht, der will mal Ärger rauslassen. Wenn der sagt: "Die Ausländer werden besser behandelt" oder "Wieso kriege ich keine Wohnung", dann kann man das doch verstehen. Das ist zuerst einmal nur eine Eruption der Erfahrung vom Prekariat. Die gesamte Soziologie sagt doch heute: Wir haben eine Gesellschaft der Singularitäten. Das heißt, der gehobenen Mittelschicht geht es unglaublich gut und immer mehr Leute fallen zurück, weil sie eben keine sozialversicherungspflichtige Arbeit bekommen, weil sie eben nicht an Computerarbeitsplätzen arbeiten können - "Herrgott schmeiß Hirn vom Himmel" funktioniert nicht - und weil sie eben keine ordentliche Wohnung bekommen. 

DOMRADIO.DE: Was antworten Sie denn, wenn jemand auf Sie mit seinem Ärger zukommt?

Meurer: Da sage ich zuerst mal: "Lass Deinen Ärger mal richtig raus." Und nehmen wir das Beispiel der Familie mit acht Kindern. Da hat sich ein Investor in Köln gefunden, der tatsächlich bereit war, denen ein Haus zur Verfügung zu stellen und der keine riesige Rendite haben will. Das heißt: Wir müssen das alles auf eine höhere Ebene heben und fragen: "Machen wir als Kirche in einem entfesselten Kapitalismus mit oder plädieren wir für einen rheinischen Kapitalismus, der eben eine soziale Marktwirtschaft will." Das wäre mein Appell. Wir dürfen die Situation nicht nur den armen kleinen Leuten als Aufgabe stellen, die nicht richtig im Leben zu Rande kommen. Das ist vielmehr unsere Aufgabe.

Es gibt in Deutschland fast 800 Theologieprofessorinnen und -professoren. Die müssen raus und müssen die Soziallehre vertreten. Das ist meine Meinung. Wir müssen uns selber an die Brust schlagen und fragen: Was machen wir für eine gerechte Gesellschaft und was machen wir, um die Flüchtlinge in das normale Leben zu integrieren? Mir gefällt sehr der Satz von unserem Ex-Bundespräsidenten Gauck, der hat gesagt: Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich. Meine Meinung ist: Die Möglichkeiten, die wir als Kirche haben, sind noch nicht ausgeschöpft.

(DR)

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