Friedensdemonstration der Aktion Sühnezeichen 1984 (ARCHIV)
Friedensdemonstration der Aktion Sühnezeichen 1984 (ARCHIV)

25.05.2018

Vor 60 Jahren gründete Lothar Kreyssig die Aktion Sühnezeichen Großes Gespür für Gerechtigkeit

Menschen mit Haltung sind Mangelware. Lothar Kreyssig war so ein Mann. Er wagte es, dem NS-Regime die Stirn zu bieten. Auch im Bewusstsein für das von den Deutschen verursachte Leid gründete er später die Aktion Sühnezeichen.

Er gehörte zu den wenigen Juristen, die offen Widerstand gegen die Verbrechen der Nationalsozialisten geleistet haben. Als Vormundschaftsrichter versuchte Lothar Kreyssig 1940, die unter seiner Obhut stehenden Behinderten und Kranken vor der Ermordung zu retten - und erstattete als einziger Richter in Deutschland Anzeige gegen die Verantwortlichen der "Euthanasie"-Aktion.

Nach dem Krieg wirkte der Protestant in der evangelischen Kirche. Am 30. April 1958 rief er auf einer Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland die Aktion Sühnezeichen ins Leben.

Frieden und Aussöhnung herbeiführen

Seine nur vier Minuten dauernde Ansprache als Präses gilt als Geburtsstunde der Aktion Sühnezeichen. Die politischen Rahmenbedingungen waren damals alles andere als ideal: Nur 13 Jahre nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg hatte die Bundesregierung im Kalten Krieg entschieden, die Bundeswehr mit Trägersystemen für Atomraketen auszustatten.

Ein weiterer Krieg war nicht auszuschließen. Lothar Kreyssig hatte eine andere Botschaft: Frieden und Aussöhnung herbeizuführen nach den durch die Deutschen verursachten Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs.

Während die Wirtschaftswundergesellschaft die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen wollte, erinnerte Kreyssig in seiner kurzen Rede an den Holocaust und das große Leid, das die Deutschen in vielen Teilen der Welt verursacht hatten. "Wir haben vornehmlich noch keinen Frieden, weil zu wenig Versöhnung ist", erklärte er. Seine Vision:

die Anerkennung der historischen Schuld für die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Überzeugung, dass der erste Schritt zur Versöhnung von den Tätern und ihren Nachkommen ausgehen müsse. Nur "wenn wir selbst wirklich vergeben, Vergebung erbitten und diese Gesinnung praktizieren", könne Frieden entstehen.

Feines Gespür

Der Jurist hatte offenbar ein feines Gespür für das, was anstand und einen großen Gerechtigkeitssinn. Der 1898 im sächsischen Flöha geborene Kaufmannssohn studierte Jura in Leipzig, wurde 1926 in Chemnitz in den Justizdienst übernommen, zwei Jahre später als Richter. Dass er Jahre später so mutig dem NS-Unrechtsregime die Stirn bot, war nicht selbstverständlich.

Ursprünglich war er nationalistisch gesinnt, wählte vor der Machtergreifung Hitlers die NSDAP, verhielt sich zunächst systemkonform und wurde auch Mitglied im Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen. Doch Kreyssig war auch evangelischer Christ - und hatte einen wachen Blick für die damaligen Entwicklungen. Gedrängt, der NSDAP beizutreten, weigerte er sich unter Berufung auf seine richterliche Unabhängigkeit. 1934 wurde er Mitglied der Bekennenden Kirche Sachsens, ein Jahr später wurde er deren Präses.

Im Zuge der NS-Herrschaft häuften sich die Todesfälle zahlreicher seiner behinderten Mündel. Kreyssig hatte den Verdacht, dass diese systematisch ermordet würden. Im Sommer 1940 beschwerte sich der Vormundschaftsrichter  beim Reichsjustizminister Franz Gürtner. Als er erfuhr, dass Hitler die Euthanasie-Aktion veranlasst hatte, zeigte Kreyssig Reichsleiter Philipp Bouhler wegen Mordes an. Zugleich verbot der Richter die Verlegung seiner Schutzbefohlenen in Tötungsanstalten. Da er sich Hitlers Rechtsverständnis nicht beugen wollte, wurde er zunächst zwangsbeurlaubt und 1942 in den Ruhestand geschickt. Auf seinem ökologisch bewirtschafteten Bauernhof versteckte Kreyssig zwei Jüdinnen.

Gedenken wachhalten

Nach dem Krieg bekleidete der Protestant verschiedene Kirchenämter, war unter anderem Synoden-Präses der Kirchenprovinz Sachsen und Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. Auf Kreyssig, der 1986 starb, gehen viele gesamtdeutsche kirchliche Einrichtungen und Ideen zurück, etwa die Telefonseelsorge und "Brot für die Welt".

Am bedeutendsten aber war die Aktion Sühnezeichen. An deren Versöhnungsprojekten in den ehemals von Deutschland besetzten Ländern und in Israel haben sich seit 1958 über 10.000 junge Freiwillige beteiligt.

Doch mit der Aussöhnung vergangenen Unrechts ist es nicht getan - auch heute fühlt sich die Aktion Sühnezeichen verpflichtet, für die Gräuel des Nationalsozialismus und die Schoa zu sensibilisieren und das Gedenken wachzuhalten - auch und gerade angesichts des Erstarkens rechten Gedankengutes. Lothar Kreyssig hat damals Haltung und große Zivilcourage bewiesen. Und er ist aus Sicht des derzeitigen Vorstandsvorsitzenden Stephan Reimers auch heute noch "aufgrund seiner Zivilcourage und seines Mutes ein Vorbild".

Angelika Prauß
(KNA)

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