05.05.2018

Fragen und Antworten zum Hebammenwesen in Deutschland Ohne sie geht es nicht

Ohne Hebamme darf ein Arzt kein Kind entbinden – eine Hebamme muss aber keinen Arzt bei einer Geburt dabei haben. Diese Regel unterstreicht die große Bedeutung der Geburtshelferinnen.

Seit einigen Jahren hat der Berufsstand jedoch mit Schwierigkeiten wegen hoher Versicherungskosten zu kämpfen. Zum Internationalen Hebammentag beantwortet die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) wichtige Fragen zum Hebammenwesen.

Was ist eine Hebamme?

Die Hebamme ist die Fachfrau rund um Schwangerschaft, Geburt und die Wochen danach. Überall auf der Welt stehen erfahrene Frauen Gebärenden zur Seite. Eines der ältesten Zeugnisse der Hebammenkunst ist eine Tempelmalerei aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., die die Drillingsgeburt der Pharaonenkinder des ägyptischen Sonnengottes Re zeigt.

Der Begriff Hebamme stammt aus dem Althochdeutschen und setzt sich aus "ana" für "Ahnin/Großmutter" und "hevan" für "heben" zusammen. In Deutschland wurde 1987 die Bezeichnung "Entbindungspfleger" als männliche Form des Berufes eingeführt. Seit 2016 wird das Hebammenwesen in der bundesweiten Liste des Immateriellen Kulturerbes der Unesco geführt.

Was sind die Aufgabenbereiche für Hebammen vor einer Geburt?

Bis auf Ultraschalluntersuchungen können Hebammen bei einer komplikationsfrei verlaufenden Schwangerschaft die ganze Bandbreite der üblichen Schwangerschaftsvorsorge durchführen, genau wie ein Gynäkologe. Sie bieten zudem vielseitige Beratung bei Schwangerschaftsbeschwerden sowie Geburtsvorbereitungskurse an.

Gibt es Entbindungen ohne Hebammenunterstützung?

Eine Hebamme kann die Geburt ab Wehenbeginn selbstständig ohne Arzt leiten, solange keine medizinischen Schwierigkeiten auftreten. Nach dem Gesetz besteht für den Arzt die Pflicht zur Hinzuziehung einer Hebamme. Lediglich im Notfall darf ein Arzt eine Geburt ohne Hebamme durchführen.

In Krankenhäusern wird die Anwesenheit eines Arztes bei der Geburt empfohlen. Frauen haben auch das Recht auf eine Alleingeburt ohne medizinisches Personal, was jedoch in Deutschland kaum praktiziert wird. Der Deutsche Hebammenverband (DHV) rät wegen möglicher Komplikationen unter der Geburt davon ab.

Worin besteht die Tätigkeit nach der Geburt?

Die Hebamme steht der Wöchnerin und dem Kind in den ersten Wochen während der großen körperlichen und seelischen Veränderungen zur Seite. In den ersten zehn Tagen besteht der Anspruch auf einen täglichen Wochenbettbesuch zur Beratung in Sachen Pflege, Ernährung, Stillen des Neugeborenen.

Bis das Kind zwölf Wochen alt ist, sind weitere 16 Hebammenbesuche eingeplant. Anschließend können mehr Termine bei Still- oder Ernährungsschwierigkeiten in Anspruch genommen werden.

Was ist eine Beleghebamme?

Beleghebammen arbeiten freiberuflich. Zum einen können sie wie angestellte Hebammen im Schichtdienst der Krankenhäuser arbeiten. Zum anderen kann eine Beleghebamme mit einer oder mehreren Geburtskliniken einen Belegvertrag abschließen. Sie bietet schwangeren Frauen eine Begleitung von Anfang der Schwangerschaft bis Ende sowie im Wochenbett an.

Die Nachfrage nach Beleghebammen ist hoch und bedarf einer frühen Anfrage der werdenden Eltern - am besten nach dem positiven Schwangerschaftstest. Hebammenkosten sind Leistungen der Krankenkasse, bei der Beleghebamme fällt jedoch eine Rufbereitschaftspauschale an, die regional unterschiedlich hoch ist und nur von einigen privaten Versicherungen übernommen wird.

Wie viele Hebammen gibt es in Deutschland?

Die Zahl der Hebammen ist in Deutschland zwischen 2001 und 2018 von rund 16.000 auf 24.000 gestiegen. 2016 leisteten laut Statistischen Bundesamt insgesamt 11.077 Hebammen und Entbindungspfleger Geburtshilfe in deutschen Krankenhäusern. Davon waren 9.301 festangestellte Kräfte (darunter 4 Entbindungspfleger) sowie 1.776 Belegkräfte.

Nach Stand Januar 2018 waren mehr als 13.000 Hebammen freiberuflich tätig; teilweise sind sie auch parallel in Angestelltenverhältnissen. 2.590 sind von den Freiberuflichen in der Geburtshilfe tätig, der andere Teil in der Vor- und Nachsorge. Laut einer Studie haben 25 Prozent der freiberuflich tätigen Hebammen mit Geburtshilfe von 2008 bis 2010 die Geburtshilfe aufgegeben.

Warum geben viele freiberufliche Hebammen die Geburtshilfe auf?

Für die Versicherungen sind die Kosten, um geburtshilfliche Schäden zu regulieren, in den vergangenen Jahren drastisch angestiegen. Grund sind längere Lebenserwartungen und zunehmende Regressforderungen durch Kassen und Kommunen. Diese Kosten werden auf die Geburtshelferinnen durch erhöhte Beiträge abgewälzt: 2002 lag die Prämie bei 453 Euro jährlich, 2009 dann schon bei 2.370 Euro.

2017 waren es 7.639 Euro, für 2020 sind 9.098 Euro veranschlagt. Besonders betroffen sind neben den Hebammen, die Hausgeburtshilfe anbieten oder in Geburtshäusern arbeiten, auch die Beleghebammen. Seit 2015 gibt es einen sogenannten Sicherstellungszuschlag der Kassen von etwa 1.400 Euro pro Quartal, der einen Ausgleich schaffen soll.

Was sind die Folgen dieser höheren Kosten?

Wenn immer weniger freiberufliche Hebammen Geburtshilfe anbieten, verlieren Frauen ihr Recht auf Wahlfreiheit des Geburtsortes, so der DHV. Sie finden demnach immer schwerer eine Hebamme, die sie in einer Eins-zu-eins-Betreuung während der Geburt in der Klinik betreut, oder sie können nicht in einem Geburtshaus beziehungsweise zu Hause gebären, weil keine Hebamme in der Nähe diesen Dienst noch anbietet.

Dadurch fallen zudem Angebote der Hebammen für Nachsorge-Betreuung oder Geburtsvorbereitungskurse weg.

Warum herrscht in vielen Geburtsstationen Hebammenmangel?

Nach Angaben des Hebammenverbandes wenden sich viele Geburtshelferinnen aufgrund der Arbeitsbedingungen von den Krankenhausdiensten ab. Eine Umfrage des DHV aus dem Jahr 2015 ergab, dass die überwiegende Mehrzahl der angestellten Hebammen (89 Prozent) nur selten die Möglichkeit haben, vorgeschriebene Ruhepausen einzuhalten.

64 Prozent der Hebammen müssten häufig Aufgaben außerhalb ihres eigentlichen Arbeitsbereiches erledigen. Überstunden seien an der Tagesordnung.

Kritisch äußerten sich die Hebammen auch bezüglich einer in den letzten Jahren erhöhten Zahl der gleichzeitig zu betreuenden Geburten. Knapp die Hälfte gibt demnach an, sich schon mal um bis zu drei Gebärende gleichzeitig kümmern zu müssen. Laut DHV kommt es mitunter sogar zur Betreuung von sechs Geburten von einer Geburtshelferin. Der Verband fordert deswegen eine Personaluntergrenze für Kreißsäle

Wie ist die Entwicklung der Krankenhäuser mit Gebursthilfe?

Die Zahl der Kliniken mit Geburtshilfe ist von 2011 bis 2016 um etwa 90 auf 690 Einrichtungen zurückgegangen. Im Jahr 2016 kamen in Deutschland 792.131 Kinder zur Welt. 761.777 Geburten fanden im Krankenhaus statt, etwa 20 Prozent wurden von einer freiberuflich arbeitenden Beleghebamme betreut.

Bundesweit gibt es nach aktuellem Stand rund 120 Geburtshäuser, dort stattfindende Entbindungen werden wie Hausgeburten zu den außerklinischen Geburten gezählt (2016: 12.170).

Wie wird man Hebamme?

Angehende Hebammen werden in Deutschland innerhalb von drei Jahren in 1.600 Theorie- sowie 3.000 Praxisstunden an einer der 62 Hebammenschulen oder an Hochschulen ausgebildet. EU-Vorgabe ist es, die Ausbildung auf Hochschulniveau anzuheben. Deutschland hinkt jedoch bei der Umsetzung noch hinterher.

Rainer Nolte

(KNA)

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