Verzweifelten Menschen helfen
Depressionen betreffen viele Menschen
Trauer nach Amokfahrt in Münster
Trauer nach Amokfahrt in Münster

10.04.2018

Wie man Menschen mit Suizidgedanken helfen kann Einmischen, nachfragen, mutig sein

Nach der Todesfahrt in Münster dreht sich die Debatte auch um den Umgang mit psychischen Problemen und Depressionen. Auf keinen Fall sollte man weghören, rät Birgit Knatz von der Telefonseelsorge.

In die Trauer und das Entsetzen nach der tödlichen Fahrzeugattacke in Münster mischten sich auch schnell die Rufe danach, wie die Tat eines Mannes, der psychische Probleme gehabt haben soll, hätte verhindert werden können. Das erinnert ein wenig an die Germanwings-Katastrophe: 2015 war eine Maschine in Frankreich abgestürzt. Der Copilot, der an einer psychischen Erkrankung litt, hatte das Flugzeug absichtlich an einem Bergmassiv zerschellen lassen. Alle 150 Insassen kamen ums Leben.

Im Fall von Münster forderte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) einerseits mehr Poller in deutschen Innenstädten - als Hindernisse für Fahrzeuge wie den Campingvan, den der mutmaßliche Täter in die Menschen vor einem Lokal gesteuert hatte. Andererseits fragen sich viele, wie man den 48-Jährigen hätte stoppen können: Es heißt, er habe sich Gedanken über einen Suizid gemacht. Hinzu kommt, dass das Motiv für die Tat weiterhin im Dunkeln liegt.

Lieber ein Polizeieinsatz zu viel als zu wenig

Nicht in jedem Fall sei es möglich, jemanden von einem Suizid abzuhalten, betont die Leiterin der Telefonseelsorge in Hagen, Birgit Knatz. Um aber überhaupt die Chance dazu zu haben, helfe nur eins: reden. "Als erstes rate ich dazu, das Gespräch mit dem Betreffenden zu suchen" Empfehlenswert sei darüber hinaus, die Telefonseelsorge einzuschalten. "Wenn jemand mitteilt, dass er andere umbringen will, sollte man zur Polizei gehen. Lieber ein Polizeieinsatz zu viel als zu wenig."

Weggucken oder weghören - das geht aus Sicht der Fachfrau gar nicht. "Mut haben, Zivilcourage zeigen, sich einmischen, nachfragen", rät Knatz. Egal, ob im Freundes- oder Familienkreis, unter Nachbarn oder Kollegen. "Ich kann nicht mehr weiterleben" - diesen Satz habe sie nicht selten in ihrer Arbeit bei der Telefonseelsorge gehört. Dann frage sie nach, wie es aussehen könnte, wenn sich der Anrufer doch entscheiden würde, weiterzuleben. Denn meistens gehe es darum, dass jemand nicht mehr auf die Weise leben wolle wie bisher. Es gebe die Hoffnung, dass ein Anrufer sein Leben künftig anders gestalte.

"Das ist ein Mythos"

Oft ist zu hören, dass Menschen, die ihren Suizid häufig ankündigen, es am Ende doch nicht tun. "Das ist ein Mythos, das ist Quatsch", sagt Knatz. "Das erste Mal ist genauso ernst zu nehmen wie das fünfte Mal." Sollten sich die Annahmen und Spekulationen von Münster bewahrheiten: Knatz persönlich lehnt es allgemein ab, von einem erweiterten Suizid zu sprechen. "Ich finde, das hört sich immer etwas harmlos an." Wer jemanden mit in den Tod nimmt, begeht aus ihrer Sicht Mord. Knatz sagt, im Fall der Todesfahrt von Münster sehe sie "eine Menge Hass auf die Gesellschaft".

Der 48-Jährige hat sich nach der Tat erschossen; 2 weitere Menschen starben, 20 wurden zum Teil schwer verletzt. Nach der Tat habe es bei der Telefonseelsorge viele Anrufe gegeben - von Menschen, die besorgt gewesen seien und über ihre Ängste hätten reden wollen.

Räume der Trauer anbieten

Wer die Telefonseelsorge nicht anrufen wolle, könne stattdessen gut mit Freunden und Verwandten reden, so Knatz. "Wichtig ist auch, Orte und Räume anzubieten, damit Menschen dort trauern und sich trösten lassen können." Das Bedürfnis scheint da zu sein: Am Sonntagabend gedachten über 1.600 Menschen im Münsteraner Dom der Opfer - eine bewegende Feier mit Kerzen und dem Lied "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Bischof Felix Genn sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus - und gedachte auch des Täters: "Dürfen wir es wagen, auch im Herzen des Täters einen Schrei nach dem Warum zu vermuten?"

Ohnehin sind Dom, Lambertikirche und Co. im als katholisch geltenden Münster geöffnet. Viel Gesprächsstoff dürfte es auch auf den Straßen geben, vielleicht auch zwischen Wildfremden. Im historischen Rathaus der Stadt liegt ein Kondolenzbuch aus. Knatz rät auch dazu, über aller Trauer nicht das Leben zu vergessen. "Für eine Stadt ist es wichtig, dass sie nicht allein von so einem Ereignis geprägt wird."

Leticia Witte
(KNA)

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