Pflegebedarf steigt an; auch in NRW
Altenpflege

29.03.2018

Altenpflegerin Kira Winkler über den Dienst am Nächsten "Füße waschen ist für mich wie täglich Brot"

Jeden Tag werden Millionen Menschen gepflegt. Eine, für die dieser Dienst am Nächsten Alltag ist, ist Kira Winkler. Ob die junge Pflegerin wie Jesus, der seinen Jüngern die Füße wusch, dies als Liebesdienst sieht, erklärt sie im Interview.

DOMRADIO.DE: Frau Winkler, Sie sind erst 23 Jahre, aber den ganzen Tag mit alten und pflegebedürftigen Menschen beschäftigt, die Ihre Hilfe brauchen. Dennoch strahlen Sie viel Lebensfreude und Zufriedenheit aus. Macht Ihre Arbeit Sie glücklich?

Kira Winkler (Altenpflegerin im dritten Ausbildungsjahr): Ich kenne es eigentlich nicht anders, als mit Menschen zusammen zu sein, die auf Hilfe angewiesen sind. Ich bin in einer Familie mit einem behinderten Onkel, der heute mit seinen 50 Jahren ein totaler Pflegefall ist, und pflegebedürftigen Großeltern aufgewachsen.

Gerade mein Onkel war so froh, von seinem vertrauten Umfeld umsorgt zu sein. Da war es eine Selbstverständlichkeit, für ihn da zu sein und in diese Aufgabe hineinzuwachsen. Ich habe also früh gelernt, mit Menschen umzugehen, die ihren Alltag nicht mehr bewältigen und begleitet, betreut und natürlich auch körperlich gepflegt werden müssen.

DOMRADIO.DE: Gab es nie Hemmungen?

Winkler: Das Thema Pflege war zu keinem Zeitpunkt bei mir je mit Hemmungen besetzt. Es ist eine Form, anderen Menschen ganz nahe zu sein. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich ihre Dankbarkeit spüre für jeden Dienst, den man ihnen erweist.

Das können kleine Dinge sein, wie ein freundliches Wort, ein Spaziergang, Essen anreichen oder sie beim Laufen stützen. Aber das kann natürlich auch bedeuten, Körperpflege vorzunehmen und sie zu waschen – und nicht nur das Gesicht oder die Füße. Ich brauche diesen Umgang mit Menschen, deshalb bin ich hier genau richtig – ja, und in der Tat sehr glücklich. Etwas anderes könnte ich mir für mich gar nicht vorstellen.

DOMRADIO.DE: Lag nicht nahe, eben weil Sie sich diesem Thema schon so früh gestellt haben, einen völlig anderen Beruf – gewissermaßen zum Ausgleich – zu ergreifen?

Winkler: Ich hab’s versucht: als Mediengestalterin den ganzen Tag am Computer. Aber mir haben die Menschen gefehlt. Meine Familie und ihre besonderen Herausforderungen haben mich einfach sehr geprägt.

Erst habe ich mich auch bei meinen Großeltern nur um die Tagesablaufgestaltung gekümmert, versucht, sie in ihren Alltagskompetenzen zu stärken, wie man das in meiner Ausbildung nennt. Aber dann wurde aus dem Kümmern bei fortschreitendem Krankheitsverlauf regelmäßige Pflege. Und da ich die einzige in meiner Familie in einem Pflegeberuf bin, kam mir mein Fachwissen zugute, beispielsweise wie man einen Stoma – einen künstlichen Darmausgang – versorgt, den meine Großmutter am Ende hatte, oder auch wie andere professionelle Handgriffe ziemlich nützlich angewendet werden können.

DOMRADIO.DE: Kostet nicht manches Überwindung, erstrecht, wenn man so vertraut miteinander ist?

Winkler: Mich hat nie etwas geekelt. Bis heute nicht. Für vieles bekommt man in meinem Beruf einen neuen Blick. Und die Erfahrung, mit Scham umzugehen – der eigenen, aber vor allem auch der der Bewohner – macht man hier täglich. Alte Menschen müssen lernen anzunehmen, dass sie alleine die Körperhygiene nicht mehr bewältigen. Das ist sehr schwer für sie – gerade wenn sie ihr Leben lang selbständig und autonom waren. Sie empfinden oftmals diesen Eingriff in ihre Intimsphäre als Fremdbestimmung. Und das Zulassen von fremder Hilfe kostet sie große Überwindung. Bei diesem Prozess muss man ihnen helfen.

DOMRADIO.DE: Was machen Sie, wenn Sie diese Scham spüren?

Winkler: Eigene Schamgefühle lasse ich gar nicht erst zu. Und wenn doch, dann so, dass der zu Pflegende sie nicht spürt, um die Peinlichkeit, in der er sich ohnehin schon glaubt, nicht noch zu verstärken. Natürlich gibt es auch schon mal unangenehme Situationen.

DOMRADIO.DE: Und wie gehen Sie dann damit um?

Winkler: Die sollte man dann ins Team bringen und dort verarbeiten. Wichtig ist, diese hilflosen, oft sehr alten Menschen behutsam in ein Gespräch zu verwickeln, sie abzulenken und Vertrauen zu schaffen. Manche Frauen wollen nicht von Männern gewaschen werden, weil tief in ihnen das Trauma von Kriegserfahrungen steckt – vielleicht sogar das einer Vergewaltigung. Solche Erfahrungen bleiben prägend, und oft vermuten wir hinter einer bestimmten Abwehrhaltung ein solches tief sitzendes Erlebnis, das im Alter eher noch einmal neu aufbricht.

Und dann gibt es auch die ganz allgemeine Scham. Damit gut umzugehen ist genauso eine Aufgabe. Wenn aber erst einmal das Eis gebrochen ist, mache ich die Erfahrung, dass viele Menschen noch einmal geradezu neu aufblühen. Zu baden, geduscht zu werden, einen angenehmen Duftstoff auf der Haut zu spüren tut ihnen gut, belebt sie und hebt die Stimmung.

Schon mal gibt es von Frauen den Wunsch, die Nägel lackiert zu bekommen oder einen bestimmten Schmuck anzulegen – wie früher. Und wenn sie dann lächeln, weiß ich, dass ich etwas genau richtig gemacht habe. Manchmal ist schon ein Fußbad zur Entspannung ein kleiner Luxus. Gerade in der präfinalen Phase - der Sterbephase - sind viele Bewohner dafür empfänglich. Damit können wir ihnen wirklich etwas Gutes tun. Füße waschen ist gewissermaßen unser tägliches Brot.

DOMRADIO.DE: Wie reagieren denn dementiell veränderte Menschen, mit denen unter Umständen ein Gespräch und damit eine verbale Annäherung nicht mehr möglich sind?

Winkler: Dann haben wir eine andere Sprache: die der Zärtlichkeit. Solche Menschen reagieren in der Regel auf zaghafte Berührung und vorsichtiges Streicheln. Wichtig ist, zu akzeptieren, dass jeder Mensch ein anderes Selbstverständnis mitbringt und auch seinen eigenen Charakter oder bestimmte Verhaltensweisen. Mir ist es ein Anliegen, genau das im Umgang mit ihm auch zu respektieren, um ihm gerecht zu werden.

Manchmal muss man eine gemeinsame Wellenlänge finden, mit der beide Seiten leben können, und sich in der Mitte treffen. Und wenn es schon mal – auch das kann vorkommen – verbale Übergriffe gibt, muss ich einen gesunden Selbststand haben, in die professionelle Trickkiste greifen und Grenzen aufzeigen. Denn natürlich sind auch Erotik und Sexualität in der Altenpflege ein Thema.

DOMRADIO.DE: Was glauben Sie, was sind wesentliche Voraussetzungen für den Beruf des Altenpflegers?

Winkler: Man muss die Menschen mögen, gerne mit ihnen zusammen sein wollen. Für mich ist diese Arbeit eine Berufung und nicht einfach nur ein Job. Ich freue mich jeden Tag auf meine Arbeit. Wir sind dafür da, pflegebedürftige Menschen zu unterstützen und ihre Bedürfnisse zu erfüllen, nicht Entscheidungen über sie hinweg zu treffen, nur weil vielleicht dies oder jenes pflegerisch sinnvoll wäre.

Wir tun nichts gegen ihren ausdrücklichen Willen. Es geht immer um den Menschen; um jeden Menschen, so wie er ist. Denn er darf seine Würde nicht verlieren. Deshalb dürfen wir ihm auch nicht zuviel abnehmen, wenn er ein Leben lang selbst entschieden hat und sich nun seiner zunehmenden Hilflosigkeit bewusst wird. Denn das ist für die Betroffenen selbst eine unglaublich traurige Erkenntnis.

DOMRADIO.DE: Wie gehen Sie mit den Beziehungen um, die unter Umständen über Jahre wachsen, wenn jemand lange in einem Alten- und Pflegeheim wohnt?

Winkler: Professionelle Distanz ist wichtig, sonst kann man diese Arbeit nicht machen. Aber natürlich entsteht auch Nähe. Und dann betrifft einen auch der Tod eines Menschen, den man lange gekannt und gepflegt hat. Denn Sterben gehört dazu, manchmal täglich. Aber dann ist es für mich eine Ehre, wenn ich den Verstorbenen ein letztes Mal waschen und anziehen darf.

Oft suche ich sein Lieblingskleidungsstück heraus, lege ihm Blumen oder einen Rosenkranz in die Hände. Manchmal spreche ich auch beruhigend auf den Toten ein. Man weiß ja nicht, was er noch mitbekommt. Ich weiß, dass die meisten Menschen nicht im Krankenhaus sterben wollen und manchmal dafür zu uns kommen, wenn sie spüren, dass ihr Leben nicht mehr lange dauern wird. Eine würdevolle Sterbebegleitung ist für mich ein großes Thema. In diesen letzten Dienst lege ich noch einmal meinen ganzen Respekt. Er ist wie eine Verbeugung vor dem Toten – und seinem Leben.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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