Schüler mit Migrationshintergrund
Schüler mit Migrationshintergrund

20.03.2018

Studie: Leistung von Schülern mit Migrationshintergrund oft schwach "Noch viel Potential nach oben"

Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland haben es deutlich schwerer in der Schule. Das zeigt eine aktuelle Studie der OECD. Wenig verwunderlich findet dies die Bildungsexpertin Simone Jambor-Fahlen. Liege doch noch vieles im Argen.

DOMRADIO.DE: 50 Prozent der Schüler, die mit ihren ausländischen Eltern in erster Generation eingewandert sind, verfehlen laut OECD-Studie das unterste Kompetenzniveau im Lesen, in Mathematik und in Naturwissenschaften, heißt es. Bei den Schülern ohne Migrationshintergrund sind es nur 28 Prozent. Sie forschen an der Universität Köln zum Thema Lese- und Schreibleistungen und haben sich erst vor kurzem mit der Rolle des Migrationshintergrundes auseinandergesetzt. Können Sie die Ergebnisse der OECD-Studie bestätigen? Deckt sich das mit Ihren Erkenntnissen?

Dr. Simone Jambor-Fahlen (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut der Universität Köln): Die großen Schulleistungsstudien wie PISA und IGLU, die wir in den vergangenen Jahren immer wieder kennengelernt haben und von denen wir die Ergebnisse gehört haben, weisen alle darauf hin, dass der Migrationshintergrund ein bedeutsamer Faktor ist und dass Kinder aus zugewanderten Familien Nachteile gegenüber Kindern ohne Zuwanderungsgeschichte in den untersuchten Kompetenzbereichen haben. Diese Ergebnisse sehen wir immer wieder.

DOMRADIO.DE: Welche Gründe hat es, dass Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule schlechter abschneiden? Ist es hauptsächlich die Sprache?

Jambor-Fahlen: Es ist nicht nur die Sprache. Auch der sozioökonomische Hintergrund, also die wirtschaftlichen Ressourcen in den Familien, spielt eine Rolle. Zudem fließt der Berufsstatus der Eltern mit ein. Wir sehen in den Studien, wenn wir diese Faktoren mit in unsere Berechnungen einbeziehen, dass sich Leistungen der Kinder mit und ohne Zuwanderungsgeschichte einander angleichen. Trotzdem bleiben sie immer noch hinter den Kindern ohne Zuwanderungsgeschichte zurück. Also bleibt der Migrationshintergrund ein gewichtiger Faktor. Aber er minimiert sich, wenn man die sozioökonomischen Hintergründe mit einrechnet.

Sprache ist auch ein bedeutsamer Faktor. Wir wissen: Je früher Kinder mit der Amtssprache - also in unserem Fall Deutsch - in Kontakt treten, desto einfacher ist für sie der Einstieg ins Bildungssystem. Gegenüber anderen europäischen Staaten haben wir beispielsweise kein strukturiertes Ganztagsschulsystem, sondern überlassen vielfach die Sprachförderung im Nachmittagsbereich privaten Anbietern. Das sind Fragen, die das Bildungssystem beantworten müsste.

DOMRADIO.DE: Spielt es eine Rolle, ob die Kinder zu Hause Deutsch sprechen oder nicht?

Jambor-Fahlen: Ja, das spielt eine Rolle. Wir sehen beispielsweise wenn man die IGLU-Studie als Referenz heranzieht, dass Kinder, bei denen ein Elternteil in Deutschland geboren ist und das andere nicht, größere Leistungen aufweisen als Kinder, bei denen beide Elternteile im Ausland geboren sind. Hier spielt die Familiensprache offensichtlich eine Rolle.

Trotzdem möchten wir nicht dafür plädieren, dass in den Familien Deutsch gesprochen werden muss. Das wäre ein völlig falscher Ansatz. Mehrsprachigkeit ist eine Ressource. Diese Kinder müssen im Schulsystem gefördert werden, weil wir im Moment den Status haben, dass das Schulsystem diese Unterschiede nicht auffängt.

DOMRADIO.DE: Die Organisation OECD hat die Situation in allen 35 Mitglieds-Ländern verglichen und geschaut, wie gut sich Kinder mit Zuwanderergeschichte in ihre Schulen integrieren. Die größte Kluft soll in Finnland herrschen. Aber auch in Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Schweden und in Deutschland haben es Kinder mit Migrationshintergrund deutlich schwerer, sagen Wissenschaftler. Schauen wir auf Deutschland: Wie kann es sein, dass ein so weit entwickeltes Land solche Unterschiede in dem Zusammenhang aufweist?

Jambor-Fahlen: Die Frage ist, wo das Land weit entwickelt ist. Wir plädieren vom Mercator-Institut immer dafür, dass sprachliche Bildung verpflichtender Bestandteil des Lehramtstudiums für alle Fächer werden muss. Diesen Status haben wir in Deutschland noch nicht. Das heißt, viele Lehrkräfte, die an die Schulen gehen und die in Fächern wie Chemie, Physik oder Geschichte ausgebildet werden, haben noch nichts von Deutsch als Zweitsprache und Sprachförderung gehört. Genau das müssten sie aber, um diese komplexen Themen und Sachverhalte Kindern mit mehrsprachigem Hintergrund näherzubringen. Ein Stichwort lautet hier "sprachsensibler Fachunterricht".

Außerdem sind wir in Deutschland noch nicht so weit, dass wir ein strukturiertes Fortbildungssystem oder ein Qualifizierungssystem über alle Länder hinaus für Lehrer haben, um Deutsch als Zweitsprache in allen Unterrichtsfächern berücksichtigen zu können. Da stellt sich die Frage, wie weit wir entwickelt sind. Ich denke, da ist noch viel Potential nach oben.

Das Interview führte Aurelia Rütters.

(DR)

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