Jesuiten-Flüchtlingsdienst warnt vor weltweit steigenden Flüchtlingszahlen

"Wir haben keinerlei Konzept"

In Deutschland kommen immer weniger Flüchtlinge an. Dennoch: Weltweit steigt die Zahl der Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, betont der Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Und fordert ein Konzept sowie weniger gegenseitige Vorwürfe.

Symbolbild: Ankunft von Flüchtlingen / © Bernd Thissen (dpa)
Symbolbild: Ankunft von Flüchtlingen / © Bernd Thissen ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wenn die Flüchtlingszahlen grundsätzlich nicht runtergehen, woran liegt es dann - warum kommen weniger Menschen bei uns an?

Pater Frido Pflüger (Leiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes): Ja, weil es uns immer mehr gelingt dicht zu machen und weniger aufzunehmen von denen, die in den südlichen europäischen Ländern landen, denn die südlichen Länder sind ja überhaupt nicht entlastet und wir nehmen halt kaum mehr welche ab.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es denn aus in Griechenland und Italien, in den Ländern, wo die Leute, die übers Mittelmeer kommen als erstes ankommen?

Pflüger: Das sind ja zum Teil, wie wir von unseren eigenen Kolleginnen und Kollegen vom Jesuiten Flüchtlingsdienst wissen, katastrophale Zustände, z.B. in Griechenland und auf den Inseln. Und jetzt verlagert es sich zum Teil auch auf Spanien. Spanien ist es ja eigentlich überhaupt nicht gewohnt Flüchtlinge aufzunehmen. Die Zahlen derer, die in Spanien gelandet ind, waren bisher ja wirklich minimal.   

DOMRADIO.DE: Jetzt diskutieren wir viel über europäische Solidarität und über Flüchlingsverteilung. Wie sieht das im Moment genau aus und wie sollte es aussehen, um den Menschen besser zu helfen?

Pflüger: An Umverteilung wird eigentlich im Moment gar nicht mehr gedacht, weil ja niemand mehr mitmacht. Gut, Deutschland würde noch mitmachen und hat ja zum Teil auch noch mitgemacht, aber das wird jetzt zum Teil ausgeglichen oder reduziert über die Zahlen bei der Familienzusammenführung. Da wird ja gegengerechnet. Das ist eine ziemlich tragische Sache, dass wir durch diese Gegenrechnung sagen, wir nehmen Familienangehörige stärker auf, deshalb aber weniger Flüchtlinge aus den südlichen Ländern.

Das ist natürlich eine furchtbare Rechnerei, obwohl wir eigentlich mehr aufnehmen könnten, denn die Kapazitäten sind ja alle da. Wir haben ja Platz, wir sind gut organisiert, auch, was die Integration derer, angeht, die bei uns ankommen. Aber das liegt ja jetzt zum Teil einfach brach und das sind leere Räume und leere Möglichkeiten.

DOMRADIO.DE: Was müsste passieren in der Politik, damit wir damit besser zurechtkommen?

Pflüger: Ich glaube, man müsste endlich mal diese Angst aufgeben und sich nicht mehr gegenseitig Vorwürfe machen. Vorwürfe waren ja in den Sondierungsverhandlungen jetzt laufend zu sehen und zu hören - wie da herumgeeiert wird mit ein paar Zahlen. Ich finde das eigentlich erbärmlich.

Wir haben keinerlei Konzept für das große Problem: Die Flüchtlingszahlen weltweit steigen immer noch und werden in den nächsten Jahren auch nicht zurückgehen. Denn die Flüchtlinge, die wir durch die Erderwärmung und durch klimatische Probleme bekommen, sind ja noch gar nicht im Blick. Die Problematik des Wassermangels zum Beispiel wird ja auch neue kriegerische Auseinandersetzungen bewirken. Diese großen Zahlen werden ja erst kommen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.


Frido Pflüger / © Harald Oppitz (KNA)
Frido Pflüger / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
DR
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