Wie die digitalen Medien den Umgang mit Weihnachten verändern

"Die Geräte stehen nicht still"

Rezepte, Bastelanleitungen, Geschenkideen: All das suchen Menschen heute auch im Internet, gerade vor Weihnachten. An den Feiertagen können Smartphone und Co. dagegen laut Experten ruhig einmal außen vor bleiben.

Verändern digitale Medien unser Weihnachtsfest? / © Sven Hoppe (dpa)
Verändern digitale Medien unser Weihnachtsfest? / © Sven Hoppe ( dpa )

Die Digitalisierung hat auch die Advents- und Weihnachtszeit voll erfasst. Die Bloggerin Victoria Biesterfeld bezeichnet sich selbst als Weihnachtsfan. Sie sieht in den Sozialen Medien einen "unglaublichen Motivator", was die Ideen für weihnachtlichen Schmuck, Grußkarten und Geschenke angeht. Gerade zu Weihnachten hätten viele Menschen Lust, kreativ zu werden. Zugleich könne die "vermeintliche Perfektion" im Netz den Einzelnen unter Druck setzen, so Biesterfeld, die sich vor allem mit Do-It-Yourself-Projekten befasst.

"Jeder muss für sich eine Grenze ziehen"

Druck herrscht rund um die Festtage ohnehin, weiß Markus Wonka. Der Theologe und Psychologe leitet die Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) im Bistum Münster. Er verweist auf die Diskussion darüber, ob Geschäfte in diesem Jahr am Heiligabend, der auf einen Sonntag fällt, öffnen sollten. "Zeit für eine innere Vorbereitung bleibt oft nicht, sondern man geht erschöpft in die Feiertage."

Früher, so Wonka, habe sich dann aber ab dem späteren Heiligabend eine gewisse Ruhe eingestellt. "Es kam keine Post mehr, es herrschte Stille, und man war mit den Menschen zusammen, mit denen man sich verabredet hatte. Das verursacht oft schon Konfliktstoff genug." Smartphone und Co. "weichen diese äußeren Grenzen auf: Die Geräte stehen nicht still." Das könne weiteren Konfliktstoff mit sich bringen.

Das sieht Iren Schulz, Mediencoach der Initiative "schau hin!", ganz ähnlich. "Die Medien setzen keine zeitlichen oder inhaltlichen Grenzen mehr - also muss jeder für sich eine Grenze ziehen." Jeder Einzelne könne beispielsweise entscheiden, ob rechtzeitig Postkarten auf den Weg gehen, damit keine Last-Minute-Handygrüße nötig sind.

Absprachen können helfen

Zugleich könnten Medien eine besondere Verbindung schaffen, so Schulz: "Märchen oder Kinofilme werden an Weihnachten genutzt, um gemeinsame Anlässe zu schaffen." So gehöre es für viele Familien zum Weihnachtsritual, etwa den Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" gemeinsam anzusehen. "Auch Fotos zu machen, schöne Momente festzuhalten, ist etwas Positives", sagt Schulz. Das gelte auch, wenn die ganze Familie unterm Weihnachtsbaum eine Videobotschaft für einen kranken oder verreisten Verwandten aufnehme.

Also sind die Sozialen Medien doch mehr Chance als Gefahr für den Weihnachtsfrieden? Die Kirchen nutzen die neuen Kanäle, um beispielsweise die Weihnachtsgeschichte digital zu erzählen. Auch Adventskalender für den PC oder als App können die Vorfreude auf das Fest erhöhen.

Generell sei es eine Herausforderung, "dass Erwartung und Realität an Weihnachten oft sehr weit auseinanderklaffen", sagt Familienberater Wonka. Über Abläufe und eine besonders festliche und friedliche Stimmung herrschten bisweilen unterschiedliche Vorstellungen. Absprachen könnten helfen: "Man kann überlegen, wann Zeiten sein sollen, die der Familie vorbehalten sind - etwa Mahlzeiten oder bestimmte Tage." Sich die Handynutzung gegenseitig über mehrere Tage zu untersagen, sei dagegen eher unrealistisch, so Wonka.

Eltern verantwortlich für Bilder ihrer Kinder

Absprachen empfiehlt Medienexpertin Schulz auch für Fotos - insbesondere für Aufnahmen, die ins Netz gestellt werden. "Eltern haben eine Verantwortung für Bilder ihrer Kinder", betont sie. Im November startete das Kinderhilfswerk eine Kampagne zum Schutz von Kindern im Netz. Viele Eltern teilten unüberlegt Fotos von Kindern über Soziale Netzwerke, hieß es. Laut Schulz sind Großeltern manchmal noch unkritischer als die jüngere Generation.

Und: Gegen den Weihnachtsdruck lässt sich etwas unternehmen, sagt Biesterfeld. Wer das Gefühl hat, das eigene Fest werde nicht so durchgestylt wie in den Sozialen Medien, könne sich klarmachen, "dass Blogger und Stylisten auch nur Menschen sind, die sehr selektiv mit ihren Inhalten umgehen und selbstverständlich die verbrannten Weihnachtsplätzchen nicht im Internet posten - was nicht heißt, dass es solche Misserfolge nicht gibt".

Auch könne der Vorsatz helfen, "dass in der Adventszeit munter gepostet und geteilt und geliked werden darf, aber das Fest selber eine Social-Media-freie Zone bleibt". Schulz fügt hinzu: "Die Weihnachtszeit bietet eine Chance, sich Freiräume jenseits der medialen Dauerkommunikation zu verschaffen."

Paula Konersmann


Quelle:
KNA