Weiße Taube als Symbol des Friedens
Weiße Taube als Symbol des Friedens
Bertha von Suttner
Bertha von Suttner

21.12.2017

Kirche würdigt Anfänge der Friedensbewegung vor 125 Jahren "Noch heute unverzichtbar"

Vor 125 Jahren wurde die deutsche Friedensgesellschaft in Berlin ins Leben gerufen. Eine Gruppe von engagierten Männern und Frauen zog gegen Militarisierung und Wettrüsten in Europa zu Felde. Das Engagement wirkt bis heute nach.

DOMRADIO.DE: Zu den Gründungsmitgliedern gehörten die späteren Friedensnobelpreisträger Bertha von Suttner und Alfred Hermann Fried. Wie kamen Bertha von Suttner und ihre Mitstreiter damals darauf, eine Friedensgesellschaft zu gründen?

Renke Brahms (Friedensbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland): Es waren natürlich ganz stark die eigenen oder familiären Erfahrungen in Konflikten, in Kriegen mit Gewalt und enormen Opferzahlen, die dazu beigetragen haben. Insofern war es eine durchtränkte Erfahrung in den Familien, die zum Teil auch in den Kriegen als militärisch Verantwortliche unterwegs waren. Also gab es bei diesen Personen eine sehr biografische Prägung.

Die haben sich dann beispielsweise unter dem Titel "Nie wieder zu den Waffen greifen" zusammengetan und sich sehr für einen Pazifismus in der damaligen Zeit eingesetzt. Dafür waren sie auch sehr umstritten und angefeindet.

DOMRADIO.DE: Sie sprachen sich damals auch erstmals für ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus. Wie revolutionär war das damals?

Brahms: Das war natürlich überaus revolutionär. Denn das, was wir heute mit einem Recht auf Kriegsdienstverweigerung haben, war damals überhaupt nicht in der Diskussion, sondern es gab früher überhaupt kein Recht auf Verweigerung.

DOMRADIO.DE: Eigentlich hätten sich die Kirchen doch an die Spitze der Bewegung stellen müssen. Das haben sie aber nicht. Warum?

Brahms: Das war leider eine Zeit, in der natürlich auch die Kirchen sehr staatskonform waren, sehr kaisertreu und dieser ganzen Richtung ergeben. Pazifismus war in der Zeit kaum in der Kirche verbreitet, kaum irgendwie präsent. Das ist der Hintergrund, warum sich die Kirche zum Teil auch gegen Pastoren, wie den Pastor Umfrid in Stuttgart gewandt hat, der sich dafür sehr eingesetzt hat, dann aber auch deswegen im seinem Amt stark angefeindet worden ist und kaum mit seinen Worten ankam.

DOMRADIO.DE: Den Höhepunkt der Friedensbewegung gab es dann in den 1980er Jahren. 1983 protestierten mehr als eine Million Menschen im Bonner Hofgarten gegen den Nato-Doppelbeschluss. Heute unterschreiben wir Online-Petitionen vom Sofa aus. Sind wir zu bequem für Friedensdemonstrationen geworden?

Brahms: Da bin ich etwas anderer Ansicht. Es ist vielleicht nicht mehr die Zeit für die großen Demonstrationen. Ich entdecke aber sehr viele engagierte Menschen. Nimmt man nur die Aktivisten von IKAN, die den aktuellen Friedensnobelpreis für die Kampagne für eine atomwaffenfreie Welt bekommen haben. Das ist eine sehr breite, internationale und zum Teil sehr junge Bewegung, die hier etwas geschafft, entwickelt hat und ein internationales Vertragswerk initiiert hat, bei dem 122 Staaten jetzt für die Ächtung der Atomwaffen eintreten. Es gibt jetzt also andere Mittel und Wege. Das ist auch eine große Friedensbewegung.

DOMRADIO.DE: Wenn man jetzt einmal nach Syrien schaut, zu Donald Trump, nach Nordkorea, nur um einige Krisenherde und Kriegstreiber zu nennen, dann sind wir heute vom Frieden weiter entfernt denn je. Die Friedensgesellschaft hat auch den ersten Weltkrieg direkt nach seiner Gründung nicht verhindern können. Trotzdem nennen Sie die Friedensbewegung unverzichtbar. Warum?

Brahms: Dazu noch einmal in die Anfänge in der Geschichte geschaut: Bertha von Suttner hat schon damals, im Jahr 1905, Dinge vorgeschlagen, die heute in den Vereinten Nationen selbstverständlich sind. Nämlich beispielsweise eine Schiedsgerichtsstelle oder eine Friedensunion oder internationale Institutionen und Gerichtshöfe. Das war damals natürlich revolutionär und ist noch nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Aber das haben wir nach dem Zweiten Weltkrieg entwickeln können.

Insofern bin ich auch ein bisschen mit der Analyse im Moment vorsichtig. Wir nehmen Bilder von Kriegen war und es ist schrecklich, was in Syrien oder Jemen oder im Südsudan oder an anderen Stellen in der Welt passiert. Trotzdem müssen wir aber auch sehen, dass der "Global peace index" sagt, dass im Moment die Entwicklung so ist, dass es in mehr Ländern eine friedliche Entwicklung gibt, als in Ländern, in denen es sich Richtung Gewalt kehrt. Wir müssen genauer hingucken und sehen, dass wir in den vergangenen 70 Jahren mit den internationalen Institutionen einen enormen Fortschritt gemacht haben, die eine große zivilisatorische Kraft entfaltet haben. Das steht jetzt wieder zur Diskussion, weil es neue Formen von Konflikten gibt und wir darauf international neue Antworten finden müssen.

DOMRADIO.DE: Sie ziehen also insgesamt eine positive Bilanz von 125 Jahren Deutsche Friedensgesellschaft?

Brahms: Es ist natürlich eine Bilanz, die auch Rückschläge und Misserfolge beinhaltet. Aber ich glaube schon, dass die vielen Menschen, die sich da über die ganzen Jahrzehnte für den Frieden engagiert haben, schon sehr viel bewegt haben. Natürlich haben wir auch aus der Geschichte gelernt. Das müssen wir im Moment auch tun. Insofern habe ich jedenfalls Hoffnung, dass sich etwas bewegen lässt und dass Frieden möglich ist. Und das, finde ich, ist eine wichtige Botschaft.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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