Ein Bettler in der Fußgängerzone
Ein Bettler in der Fußgängerzone

08.11.2017

Wie richtig umgehen mit Bettlern und sichtbarer Armut? "Hinter jedem steht eine komplexe Geschichte"

Viele Menschen sind verunsichert, ob sie Bettlern etwas geben sollen. "Manchmal ist aber viel entscheidender, dass ich die Menschen anschaue", sagt Monika Kleine vom Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) bei domradio.de.

domradio.de: Soll ich etwas geben, wenn ich angebettelt werde?

Monika Kleine (Geschäftsführerin des Sozialdiensts katholischer Frauen (SkF)): Ich glaube, "sollen" ist nicht der richtige Ansatz. Wenn wir durch die Straßen gehen und die Menschen da stehen oder sitzen sehen, dann ist doch immer die Frage: "Lasse ich mich ansprechen?" Dann gibt weder ein zwingendes Muss, noch ein zwingendes Nein. Es hängt immer davon ab, ob ich mich berühren lasse von dem Blick, von dem Anblick. Ich finde es entscheidend, dass man auch ein "Nein" in sich haben darf. Es ist nicht zwingend so, dass jedem, der auf Straße sitzt, von mir geholfen werden muss.   

domradio.de:  Wenn ich mich aber berühren lasse – was ist denn dann angemessen? 50 Cent oder zwei Euro?

Monika Kleine: Es gibt auch da keine absolute Maßgabe. Ich finde, da sollte jeder auf den Impuls schauen, den er oder sie gerade hat. Ich kann einen Euro geben, ich kann auch zwei Euro geben. Manchmal ist aber viel entscheidender, dass ich die Menschen anschaue, kurz mit ihnen Blickkontakt aufnehme und ihnen dadurch signalisiere: "Ich habe dich wahrgenommen". Das ist auch etwas, was beim Betteln hilft: Die Menschen nicht ignorieren, sie nicht links liegen lassen!   

domradio.de: Gerade wenn es um Roma geht, denken viele sofort: "Da stecken doch Banden hinter, der muss gleich eh alles an seinen Boss weitergeben, da brauche ich eh nichts geben!"  Was sagen Sie dazu?

Monika Kleine: Es wird immer schnell behauptet, dass alle, die ein südliches Aussehen haben, in Banden organisiert sind. Das ist nicht so. Es gibt Bandenbildung – keine Frage. Aber es gibt auch sehr viele Einzelpersonen, die versuchen, Geld zu erbetteln, damit sie ihren Familien im Heimatland helfen können. Deshalb wäre auch hier eine pauschale Bewertung vollkommen unangemessen. Es gilt auch hier das Prinzip: Wenn ich mich angesprochen oder angerührt fühle, dann ist es kein Fehler, etwas zu geben. 

domradio.de: Andere fragen sich, ob sie dem, der da bettelt, nicht lieber ein Brötchen oder eine Banane kaufen sollen. Ist das sinnvoll - Sachspenden statt Geld?

Monika Kleine:  Diese Frage stellen sich natürlich viele. Viele denken auch: "Wenn ich Geld gebe, fließt das bestimmt sofort in Alkohol." Das hat natürlich so einen bewertenden Maßstab. Schwierig wird es, wenn die Person schon das zehnte Brötchen bekommt und das dann im Müll landet. Eigentlich ist doch das Beste, ich frage die Menschen, ob sie etwas zu essen brauchen oder zu trinken. Und ja, wenn man ihnen Geld gibt, fließt das manchmal oder auch häufig in Alkohol. Aber das Leben auf der Straße ist auch so anstrengend und so belastend, dass es manchmal dieses Mittel braucht, um es überhaupt ertragen zu können.  

domradio.de: Eine weit verbreitete Haltung ist auch: "Bei uns in Deutschland gibt es doch genug Hilfen für Arme - betteln müsste keiner, da gebe ich mal nichts!" Was würden Sie dem entgegnen?

Monika Kleine: Na ja, die Gründe, warum Menschen auf der Straße sitzen und betteln sind vielfältig. Zum Teil haben sie keinen oder nur sehr geringen Anspruch. Wenn ich gerade an die Südosteuropäer denke, die haben tatsächlich keinen wirklichen Anspruch auf Sozialleistungen und außerdem eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten.

Andere hätten Ansprüche, aber aus verschiedenen Gründen machen sie die nicht geltend und haben dann auch nichts. Andere leiden auch unter einer relativen Armut, haben bestimmte Sozialleistungen, können aber mit dem Geld , was sie bekommen, überhaupt nicht teilhaben am Leben. Es gibt also Hilfeleistungen, aber nicht alle haben gleichermaßen Zugang dazu. Deswegen steht hinter jedem einzelnen Bettler eine sehr komplexe Geschichte, die eben nicht mit pauschalen Einordnungen zu bedienen ist.  

Das Gespräch führte Tobias Fricke

(DR)

Im Video: Täglicher Gottesdienst

Sehen Sie hier den täglichen Gottesdienst aus dem Kölner Dom. An Werktagen ab 9 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr in der Mediathek.

Morgenimpuls mit Schwester Katharina

Jeden Morgen von Montag bis Freitag on Air und Online: Schwester Katharina Hartleib aus Olpe begleitet Sie mit spirituellen Impulsen in den Tag.

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 16.10.
06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO Der Morgen

  • Bündnis "Halle gegen Rechts" stellt Forderungen an die Politik
  • Mit einem Blindenhund durch die Straße
  • Was machte Neil Armstrong vor 50 Jahren beim Papst?
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

DOMRADIO.DE auch auf Alexa

Gottesdienste, Nachrichten und das Evangelium – jetzt täglich auch auf Ihrem Echo und Echo Show!

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag neu.

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Der tägliche Impuls von Weihbischof Puff