Katholische Arbeitnehmer-Bewegung: Nein zu "Amazon Smile"

"Uns kann man nicht kaufen"

"Die Verantwortlichen unserer Bewegung kann man nicht kaufen". Mit diesen Worten wehrt sich die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung im Bistum Augsburg gegen eine Vereinnahmung durch den Internethändler Amazon.

Ein streikender Amazon-Mitarbeiter, 2013 / © Uwe Zucchi (dpa)
Ein streikender Amazon-Mitarbeiter, 2013 / © Uwe Zucchi ( dpa )

domradio.de: Das klingt doch eigentlich gut, das Programm "Amazon Smile". Dort können Amazon-Kunden eine soziale Einrichtung auswählen, der Amazon dann ein halbes Prozent der Einkaufssumme überweist. Die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) sagt aber nein, da wollen wir nicht mitmachen. Warum?

Diakon Erwin Helmer (Amazon-Betriebsseelsorger und KAB Diözesanpräses in Augsburg): Das klingt gut, ist aber schlecht, weil wir mit den Beschäftigten von Amazon ständig in Kontakt sind, hier in Augsburg und auch bundesweit mit einigen Standorten. Die KAB ist dort aktiv und hat immer wieder darauf hingewiesen, dass es dort Missstände gibt, die in Deutschland eigentlich nicht üblich sind. Zum Beispiel, dass es nicht gern gesehen ist, wenn man mit Gewerkschaften über Tarifverträge spricht. Das gefällt uns gar nicht, weil wir der Meinung sind, Tarifverträge sind Friedensverträge, Ordnungsverträge. Es ist im Grundgesetz auch vorgesehen, dass die Arbeitnehmer sich versammeln sollen und Verhandlungen mit Arbeitgebern führen. Auf dieses Gesamtklima bei Amazon, wo die Vorgesetzen doch teilweise sehr willkürlich mit den Menschen am Arbeitsplatz umgehen, weisen wir immer wieder hin. Und deshalb haben wir ein Problem mit der Aktion.  

domradio.de: Werfen Sie also Amazon vor, dass sie Ihr Schweigen, Ihren guten Willen kaufen? 

Helmer: Genau, wenn wir Geld annehmen, hat man doch immer den Eindruck, die werden wohl dem Ganzen etwas freundlicher gegenüber stehen. Wir wollen aber unabhängig sein, und wir wollen die Wahrheit sagen. Wir sind nah bei den Beschäftigten. In Augsburg gab es zum Beispiel schon fast 70 Streiktage, Warnstreiks für Tarifverträge. Da waren wir immer vertreten, um nah bei den Menschen zu sein. Die Beschäftigten melden sich bei uns, wir sind mit denen im Gespräch. Wir wollen uns da nicht korrumpieren lassen, wir möchten frei sein in unseren Aussagen. Deshalb haben wir darum gebeten, dass wir von dieser Liste runterkommen. 

domradio.de: Wie muss ich mir denn die Arbeitsbedingungen eines Amazon-Mitarbeiters in Augsburg vorstellen - eines Arbeiters im Logistikzentrum, der am Fließband steht?

Helmer: Was uns gar nicht gefällt, ist diese Überwachung. Es gibt vorgesetzte "Leads" und dann "Area-Manager", die keine Ausbildung haben als Führungskräfte und die dann mit Leuten oft sehr unangenehm umgehen. Wir hören von sehr willkürlichen Druckmitteln, die Menschen werden richtig unter Druck gesetzt. Man sieht sich ihre Leistungen ganz genau an. Und wenn da mal jemand einige Minuten länger steht, wird der sofort zur Rede gestellt. Das erhöht den Druck unheimlich. Den halten viele auch nicht aus. Und deshalb hat Amazon auch einen sehr hohen Krankenstand. Das kann nicht so gut sein und schon gar nicht für unsere Unternehmensstruktur in Deutschland. Wir wollen eigentlich Soziale Marktwirtschaft, wir wollen, dass die Menschen als Menschen behandelt werden, als ganze Menschen, die auch mal ein Leistungsloch haben können, aber deren Würde nicht beschädigt wird. Und leider hören wir von den Beschäftigten da sehr grausige Sachen über Amazon.

domradio.de: Sie haben Ihre Bedenken dem Konzern in einem Brief mitgeteilt. Sie haben auch geschrieben, warum Sie nicht bei dieser Aktion "Amazon Smile" mitmachen wollen. Haben Sie von Amazon schon eine Antwort erhalten?

Helmer: Der Brief wurde erst gestern versendet. Wir hatten schon mal einen Brief in einer ähnlichen Angelegenheit geschickt. Da hat immerhin der Deutschlandchef, der Herr Kleber, geantwortet mit einem freundlichen Brief. Allerdings ist er auch nicht auf die direkten Fragen eingegangen. Ich vermute jetzt nicht, dass Amazon sofort reagieren wird. Aber es geht ja eigentlich darum, dass der Kunde und die Menschen sagen, wir wollen anständige Arbeit, bessere Arbeitsbedingungen, wir wollen auch Tarifverträge. Das ist bei uns üblich, dafür steht die Soziale Marktwirtschaft und ich hoffe, dass wir da ein Zeichen setzen können. 

domradio.de: Was muss passieren, damit es den Mitarbeitern bei Amazon besser geht? 

Helmer: Es wäre gut, wenn man die Betriebsräte, die auch vorhanden sind, in Ruhe arbeiten lassen würde. Hier wird sehr viel gespalten. Außerdem gibt es ganz wenig Betriebsvereinbarungen zwischen dem Betriebsrat - also den Beschäftigten - und der Unternehmensführung. Ganz wenig im Vergleich zu vielen anderen Betrieben. Da gibt es Vereinbarungen über Arbeitszeit, über Umgang miteinander, über wirksame Gesundheitsmaßnahmen, das alles ist bei Amazon auf einen Minimum. Das sind Dinge, die nicht unserer Kultur entsprechen. Und da muss Amazon einfach dazulernen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

 

Erwin Helmer (KNA)
Erwin Helmer / ( KNA )
Quelle:
DR