Herausforderung für die Medizin: immer mehr alte Menschen
Herausforderung für die Medizin: immer mehr alte Menschen
Krankenkassen
Krankenkassen

19.07.2017

Immer mehr alte und gebrechliche Patienten in Kliniken "Auf die Altersmedizin rollt ein Tsunami zu"

Die wachsende Zahl alter Menschen stellt die Medizin vor große Herausforderungen. Schon jetzt werden in den Kliniken immer mehr Senioren mit mehrfachen Erkrankungen behandelt. Die Barmer stellt ihren diesjährigen Krankenhausreport vor.

"Auf die Altersmedizin in Deutschland rollt ein Tsunami zu." Wenn es um die Zukunft der Medizin in Deutschland geht, greift die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie zu starken Vergleichen.

Auch Deutschlands größte Krankenkasse, die Barmer, mahnte am Mittwoch in Berlin in ihrem Krankenhausreport 2017, dass Deutschlands Krankenhäuser angesichts der alternden Gesellschaft umdenken müssen.

Trotz Zuwanderung und steigender Geburtenzahlen: Die Zahl der Über-70-Jährigen wird zwischen 2015 bis 2050 um rund 46 Prozent zunehmen. Was gleichzeitig bedeutet, dass auch die Zahl der älteren Krankenhauspatienten über 70 Jahre, die unter mehreren Erkrankungen gleichzeitig leiden, stark anwächst. Allein im Zeitraum von 2006 bis 2015 stieg deren Zahl bereits um rund 80 Prozent von 1,1 Millionen auf 2 Millionen an, heißt es im Krankenhausreport.

Umgestaltung der Medizin notwendig

"Damit wird die fachspezifische Versorgung geriatrischer Patienten immer wichtiger." Die Finanzierung und die Umgestaltung der Medizin werde zu einer "zentralen gesundheitspolitischen Herausforderung".

Nach Einschätzung der Deutschen Stiftung Patientenschutz sind die 2.000 Kliniken auf die wachsende Zahl älterer Patienten bisher kaum vorbereitet. Ein Aufenthalt alter Menschen im Krankenhaus gleiche oft einer unfreiwilligen Achterbahnfahrt, sagte Vorstand Eugen Brysch.

"Betroffene sind gestresst, werden eingeengt und fühlen sich hilflos ausgeliefert. Das macht Angst. Deshalb geht es ihnen nach der Entlassung häufig schlechter als vorher."

Geriatrie wächst

Schon jetzt gehört die Geriatrie laut Barmer zu den am stärksten wachsenden medizinischen Fachdisziplinen. Erst Anfang der 1970er Jahre wurde der bundesweit erste Lehrstuhl für Geriatrie an der Universität Erlangen-Nürnberg eingerichtet. Inzwischen nahm die Zahl der Krankenhausbetten in der Geriatrie von etwa 10.400 im Jahr 2005 auf über 15.300 im Jahr 2014 und damit um rund 48 Prozent zu, die Zahl der stationären Fälle in der Geriatrie sogar um 60 Prozent.

Allerdings wurden 2014 nur 1,4 Prozent aller Fälle in der Geriatrie behandelt, weil viele Geriatriepatienten auch in anderen Fachabteilungen - vor allem in der Inneren Medizin - versorgt werden.

Multidisziplinäre Krankenhäuser

Geht es nach der Barmer, so kommt es vor allem darauf an, Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder zumindest zu verringern. Die Krankenkasse empfiehlt, Geriatrie-Patienten nach Möglichkeit an größeren, multidisziplinär aufgestellten Krankenhäusern zu behandeln.

"Dort haben sie bessere Chancen, wieder auf die Beine zu kommen", sagte der Autor des Krankenhausreports, Boris Augurzky vom RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Laut Report sind etwa Kliniken mit mindestens fünf Fachabteilungen bei der Versorgung der Patienten mit einem Oberschenkelhalsbruch erfolgreicher. Dort sei das Risiko, im Anschluss an ein Pflegeheim überwiesen zu werden, um sechs Prozentpunkte geringer.

Demenzkranke Patienten

Eine riesige Herausforderung für die Kliniken ist die wachsende Zahl von demenzkranken Patienten. "Menschen mit Demenz sind keine Randerscheinung mehr im Krankenhaus", hieß es im 2014 veröffentlichten "Pflege-Thermometer" des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung in Köln.

Nach Schätzungen leidet schon heute fast jeder vierte Patient an einer Demenz. In geschätzten 60 Prozent der Fälle wissen die Krankenhäuser zunächst nichts von dieser Krankheit.

Große Veränderungen gefordert

Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie will sich im September auf ihrem Jahreskongress mit der Zukunft ihres Faches beschäftigen. "Alle stationären Einrichtungen sollten eine Akutpflege für ältere Menschen, eine Delir-Intensivstation, eine geriatrische Notfallabteilung und eine geronto-unfallchirurgische Einheit besitzen", forderte im Vorfeld der US-amerikanische Geriater John Morley, der als einer der weltweit wichtigsten Experten auf diesem Gebiet gilt. Notwendig seien auch mehr Altersmediziner.

Zudem müssten Instrumente entwickelt werden, mit denen die wichtigsten geriatrischen Syndrome Gebrechlichkeit, Muskelabbau, Mangelernährung und Gedächtnisverlust frühzeitig erkannt und konsequent behandelt werden könnten, forder Morley. "Vieles davon wird computergestützt durchgeführt werden."

Christoph Arens
(KNA)

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