Polizei zeigt Präsenz bei Schorndorfer Stadtfest
Polizei zeigt Präsenz bei Schorndorfer Stadtfest

18.07.2017

Aufarbeitung der Übergriffe bei Schorndorfer Stadtfest "Keine Kölner Dimension"

Was ist in Schorndorf passiert? Die Aufarbeitung der gewalttätigen Vorfälle am Rande des Stadtfestes hat begonnen. Die dortige Superintendentin verurteilt die Taten scharf, warnt aber auch vor Vergleichen mit der Kölner Silvesternacht.

domradio.de: Im Lauf eines Volksfestes soll es zu Gewalt und sexuellen Übergriffen gekommen sein - von einem Ausnahmezustand ist sogar die Rede. Die Polizei soll die Situation zeitweise nicht mehr unter Kontrolle gehabt haben. Was genau ist denn bei Ihnen im kleinen Baden-Württembergischen Städtchen Schorndorf am Wochenende passiert?

Dr. Juliane Baur (Superintendentin der evangelischen Kirche im Kirchenbezirk Schorndorf): Bei den Randalen in der Nacht selber war ich nicht dabei. In der Zeit habe ich versucht zu schlafen. Ich denke aber, man muss die Vorfälle sehr genau trennen. Zum einen gab es einzelne Fälle von sexueller Belästigung. Auf der anderen Seite gab es Gruppen von insgesamt rund 1.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die eigentlich friedlich gefeiert haben, von denen aber einzelne vielleicht aufgrund hohen Alkoholkonsums gewalttätig geworden sind. Sie haben mit Flaschen geworfen und sich leider auch gegen die Polizei gewendet.

domradio.de: Wenn das Ganze so halbwegs undramatisch abgelaufen ist, wie man das aus Ihren Worten heraushört, warum ist das dann ein Thema, über das im Moment ganz Deutschland spricht?

Baur: Durch beides, sowohl durch die Gewalt als auch durch die sexuellen Übergriffe ist sofort die Assoziation zu der Kölner Silvesternacht oder den Krawallen beim G20-Gipfel in Hamburg hochgekommen. Ich glaube, da ist es wichtig, dies ein bisschen einzuordnen und sich genau anzuschauen, was passiert ist. Diese Vorfälle sollten unbedingt so schnell wie möglich aufgeklärt werden. Das ist keine Frage. Und so etwas wie sexuelle Übergriffe darf es einfach gar nicht geben. Und auch vier Fälle sind vier Fälle zu viel. Aber es hatte längst nicht die Dimension wie in Köln.

domradio.de: Wer Vergleiche zur Silvesternacht am Kölner Dom anstellt oder zu den G20-Krawallen in Hamburg, der tut den Menschen in Schorndorf also Unrecht?

Baur: Ja. Das würde ich so sagen.

domradio.de: Jetzt ist es aber nicht so gewesen, dass in Schorndorf marodierende junge Männer mit gezückten Messern durch die Gegend gelaufen sind. Es ist doch alles undramatischer abgelaufen, oder?

Baur: Es gibt da wohl noch keine gesicherten Erkenntnisse. Insofern kann ich dies jetzt auch nicht vermitteln. Es wird geprüft, ob es einzelne Menschen gab, die tatsächlich Messer bei sich trugen. Das kann nicht ausgeschlossen werden. Aber es ist wohl nicht so, dass da Gruppen randalierend durch die Innenstadt gezogen sind. Das, was da an Gewalttätigkeiten passiert ist, hat auf einem begrenzten Gebiet stattgefunden, wo sich die jungen Leute traditionellerweise im Zusammenhang mit dem Stadtfest treffen.

domradio.de: Auf der einen Seite stehen die tatsächlichen Vorfälle vom Wochenende. Dem stehen auf der anderen Seite die Medienberichte gegenüber, die das Ganze relativ hoch hängen. Was macht das denn mit dem sozialen Frieden in Ihrer Stadt?

Baur: Das ist momentan das größte Problem. Der Eindruck ist da, dass die Menschen verunsichert sind und die Stimmung gedrückt ist. Das Stadtfest läuft heute auch weiter. An diesem Nachmittag gibt es ein traditionelles Treffen, wo vor allem Senioren eingeladen sind. Es rufen besorgte Menschen an und fragen, ob sie da überhaupt noch hingehen können. Das ist das eine. Das andere ist, dass Schorndorf eigentlich eine Stadt ist, die sich sehr um Integration von Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund bemüht. Jetzt wird gesagt, es seien die Flüchtlinge gewesen - was nicht der Fall ist. Ja, es waren Flüchtlinge mit dabei, aber man kann nicht sagen: "Das waren die Flüchtlinge". Vielleicht wird nun die Arbeit, die in guter Weise getan wird, ein bisschen infrage gestellt oder bekommt einen Dämpfer. Und das ist sehr, sehr schade.

domradio.de: Sehen Sie die Befürchtung, dass die ehrenamtliche soziale Arbeit ein wenig zurückgeht?

Baur: Ich hoffe nicht, dass dies der Fall ist. Aber ich glaube, dass die Menschen, die sich engagieren, da auch wieder neu ermutigt werden müssen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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