Dr. Frank Johannes Hensel
Dr. Frank Johannes Hensel

26.06.2017

Caritas zum drohenden Anstieg der Altersarmut Droht ein neuer Generationenkonflikt?

Eine neue Studie zeigt, dass in den nächsten 20 Jahren das Risiko für Altersarmut steigt. Reformen sind daher dringend nötig, sagt der Diözesan-Caritasdirektor für das Erzbistum Köln, Frank Hensel, im Interview und nimmt die Politik in die Pflicht.

domradio.de: Jetzt könnten Sie sich eigentlich etwas besserwisserisch zurücklehnen und sagen, die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie zur Altersarmut wundern Sie nicht, denn die Caritas habe immer schon vor steigender Altersarmut gewarnt.

Dr. Frank Hensel (Diözesan-Caritasdirektor für das Erzbistum Köln): Im Prinzip schon. Aber in diesem Fall Recht haben, macht natürlich gar keine Freude. Wichtig sind uns ja Wege aus der Misere. Es geht jetzt darum, was man dagegen tun kann. Wenn man sich die häufigsten Gründe anschaut, dann kann man dagegen etwas tun.

domradio.de: Was sind die häufigsten Gründe für Armut?

Hensel: Zum einen arbeiten in Deutschland 20 Prozent der Menschen in einem Niedriglohnsektor. Millionen Niedriglöhner können es sich nicht leisten, für das Alter vorzusorgen. Ein weiterer Risikofaktor sind Alleinerziehende. Sie werden dafür bestraft, dass sie sich um ihre Kinder gekümmert haben. Zudem werden rund 20 Prozent unserer jungen Menschen im Bildungssystem auskoppelt - und das schon relativ früh. Das beginnt schon bei dem Wechsel von der Grundschule zur nächsten weiterführenden Schule. Das sind Hebel, an denen man ansetzen kann.

domradio.de:  Also brauchen wir Reformen. Wie könnte das denn aussehen?

Hensel: Erstens muss beim Niedriglohnsektor angesetzt werden. Dass so viele so wenig verdienen und nicht genug einzahlen können, sollte so nicht sein. Dann müssen die Alleinerziehenden besser abfangen werden. Das kann man steuerlich machen. Das kann man durch Rentenanrechnungen machen. Dann werden die auch nicht mehr automatisch altersarm sein. Wichtig ist es, nicht zu viele Bildungsverlierer in dem Bildungssystem zu produzieren. Es kann doch nicht sein, dass wir hier nur über G8 und G9 diskutieren. Das ist doch eher ein bürgerliches Problem. Diskutieren wir doch mal über Analphabetismus und Schulabbrecher.

domradio.de:  Wir befinden uns im Bundestagswahlkampf. Da müssen die Parteien auch reagieren und ihre Konzepte zur Rente offenlegen. Wie können wir Wähler da den Parteien auf die Finger klopfen?

Hensel: Als jemand von der Caritas sage ich, wir sollten auf das untere Ende der Forderungen in den Programmen schauen. Bildung schreibt sich ja jede Partei auf die Fahne. Aber messen wir sie doch daran, wie viele Schulabbrecher in einer Legislaturperiode produziert werden oder übrigbleiben und aus unserem System ausgeklammert werden. Schauen wir uns an, wie viel Analphabetismus herauskommt - trotz Schulabschlüssen in Deutschland. 80 Prozent der Analphabeten können rudimentär einen Text lesen, aber nicht sinnentnehmend einen Text erfassen. Trotzdem haben sie einen Schulabschluss. Das ist insbesondere in Deutschland so. Da läuft doch etwas schief. Das ist zum Beispiel etwas, was ich in den Wahlprogrammen gar nicht sehe.

domradio.de: Sie sprechen von einer Gerechtigkeitslücke. Was meinen Sie damit?

Hensel: Wie kann es sein, dass man 30 Jahre gearbeitet hat und es hinsichtlich der Rentenerwartung grad egal ist, ob man das getan hat oder nicht. Das heißt, wenn man eine Lebensleistung gebracht hat, fleißig war, sich gemüht hat, immer wieder neu aufgestanden ist, immer wieder eine neue Arbeit angenommen hat, wie kann dann am Ende so wenig dabei herauskommen? Denn wenn diese Arbeit trotzdem gering entlohnt gewesen ist, oder es Brüche in der Renteneinzahlung gab, dann sinkt die Zahlung in der Rente schon rapide ab. Dann steht man am Ende da, wo auch jemand stehen würde, der das die 30 Jahre nicht gemacht hat. Das bricht den Solidargedanken im Rentensystem auf. Da verliert man den Glauben an das System.

domradio.de:  Was heißt das für die Gesellschaft?

Hensel: Ich hoffe nicht, dass es irgendwann einen Bruch zwischen Jung und Alt bedeutet. Denn man muss klar sagen: Renten können ja nur von denen kommen, die ein Einkommen erzielen. Es ist immer eine Generationenumschichtung. Wenn nun so viele in ihrem Leben nicht einen eigenen Anspruch aufbauen konnten, der sie aus der Armut herausführt, dann sind sie eben auf die Solidarleistung der nächsten Generation angewiesen. Wenn das eine große Gruppe ist, haben wir einen neuen Generationenkonflikt.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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