Leere Kirchen sind an der Tagesordnung
Leere Kirchen sind in Ostdeutschland keine Seltenheit

12.06.2017

ARD-Themenwoche zu Religion führt ins "Land ohne Glauben" Unverstellter Blick auf Kirche im Osten

Eine Woche lang drehen sich die Fernseh-, Hörfunk- und Online-Angebote der ARD ab Sonntag rund um die Themen Religion und Glaube. Eine Reportage am Montagabend sticht besonders heraus.

Du sollst alle Menschen gleich behandeln. Du sollst die Umwelt nicht verschmutzen. Du sollst keine Gewalt anwenden. - So könnten drei der Zehn Gebote aussehen, wenn die Schüler des Magdeburger Norbertus-Gymnasiums sie verfassen würden. Für ihre "Lebenswendefeier" haben sie überlegt, welche Werte ihnen wichtig sind. Das kirchliche Angebot für nichtchristliche Jugendliche ist eine von vielen Blüten, die in Ostdeutschland, dem "Land ohne Glauben" sprießen. Filmemacher Kai Voigtländer hat sich dort für seine gleichnamige Reportage umgesehen, die am Montag ab 22.45 Uhr in der ARD läuft.

Die Unvoreingenommenheit macht diesen Film, der im Rahmen der ARD-Themenwoche "Woran glaubst du?" ausgestrahlt wird, unbedingt sehenswert. Er macht anschaulich, was Soziologen mit "Traditionsabbruch" beschreiben: was geschieht, wenn Religion für einen Großteil der Bevölkerung keine Rolle mehr spielt, Kinder nicht mehr mit ihr aufwachsen - und augenscheinlich nichts vermissen.

Hoffnung für die Kirche im Osten

Auf den ersten Blick, heißt es in der Reportage, scheint die DDR ganze Arbeit geleistet und die Kirchen aus der Öffentlichkeit verdrängt zu haben. Das Jahr 1949 markierte auch in dieser Hinsicht eine Zäsur: Damals gehörten 95 Prozent der Deutschen einer der beiden Kirchen an. Bis 1961 verzehnfachte sich in der DDR die Zahl der Konfessionslosen. 1989 lag sie bei 70, 2011 bei 80 Prozent. Im Westen gehörten 2011 nur 25 Prozent der Bevölkerung keiner Kirche an.

Bei der Lebenswendefeier gehe es daher auch darum, "Kulturwerte" zu vermitteln, erklärt Lehrer Winfried Ernst: Dass Menschen überhaupt einmal in eine Kirche gehen, im Kirchenraum eine festliche Feier erleben oder sogar mitgestalten, ist in Magdeburg alles andere als selbstverständlich. Es könne aber zu einer positiven Haltung gegenüber der Kirche führen, formuliert Ernst eine vorsichtige Hoffnung.

Auch Esther Fauß wirbt für Optimismus. Als evangelische Pfarrerin im thüringischen Greußen betreut sie 19 Gemeinden. Zu ihren Gottesdiensten kommen manchmal eine Handvoll Besucher, manchmal um die 20. Dabei könnte die Kirche das Leben auf den Dörfern bereichern, betont Fauß. Oft fahren dort kaum noch Busse; Supermärkte, Arztpraxen und Gasthöfe haben geschlossen. "Das kann Kirche kitten", ist die Theologin überzeugt: Kirche könnte Türen öffnen - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne - und Menschen verbinden, die sonst kaum noch miteinander in Kontakt kommen.

Kapelle der besonderen Art

Eher skurril mutet ein Projekt in Callenberg bei Chemnitz an. Unterhaltungskünstler bauen dort eine "Kapelle" für Trauungen - unterkellert mit einem Festsaal, aus der Bausubstanz abgerissener Kirchen, aber ohne christliche Symbole. Das Gebäude, das Brautpaaren jeglicher Orientierung offenstehen soll, wird aussehen wie eine alte Kirche, mit Religion aber nichts zu tun haben. "Vielleicht der konsequenteste Ausdruck für den Traditionsabbruch", kommentiert Reporter Voigtländer: "Man bedient sich aus den Bruchstücken der alten Tradition und setzt sie nach eigenen Bedürfnissen wieder neu zusammen."

Kirche nicht nur "Deko-Element"

Dass Kirche aber auch im Osten kein reines "Deko-Element" ist, zeigt ein Beispiel aus Horburg in Sachsen-Anhalt. Ein Kirchbauverein, in dem sowohl Gläubige als auch Konfessionslose mitmachen, möchte die örtliche Kirche wieder zum Lebensmittelpunkt machen - der Fund einer Marienstatue gab den Anstoß zur Gründung. Pfarrerin Antje Böhme spricht von einer Art "Begegnungszentrum", in dem Gottesdienst stattfinden, aber auch Konzerte, Führungen, Lesenächte für Kinder. Auch Menschen, die nicht gläubig seien, wollten ihrem Nächsten schließlich etwas Gutes tun, meint Michael Seifert vom "Freundeskreis Horburger Madonna".

Immer mehr Menschen wünschen sich offenbar, dass ihr Heimatort sein Zentrum nicht verliert - und sind bereit, sich dafür zu engagieren. Die Motive seien eher sozialer als religiöser Natur, erklärt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel. In Horburg brachte die Madonna etwas in Bewegung. Womöglich ein kleines Wunder in einer Region im Wandel, die in diesem Film niemals abgestempelt, sondern wohltuend offen porträtiert wird.

Paula Konersmann

(KNA)

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