Die Gedenkstätte für die Opfer des Germanwings-Absturzes in Le Vernet
Die Gedenkstätte für die Opfer des Germanwings-Absturzes in Le Vernet

24.03.2017

Opferanwalt Giemulla zum zweiten Jahrestag Schwere Bewältigung

Für die Hinterbliebenen der Germanwings-Katastrophe ist der heutige Jahrestag von Trauer bestimmt. Dass ausgerechnet heute der Vater des Copiloten vor die Presse getreten ist, sei schwer zu verkraften, betont Hinterbliebenen-Anwalt Giemulla.

domradio.de: Wie geht es den Angehörigen der Opfer an einem Tag wie diesem?

Prof. Elmar Giemulla (Anwalt der Hinterbliebenen): Schlecht, muss man sagen. Man muss ja sehen, dass sie sich heute das Erlebnis vor Augen führen, das genau vor zwei Jahren passiert ist. Sie sind nach Frankreich gefahren, um dort gemeinsam mit den anderen Hinterbliebenen und geistig auch mit ihren verstorbenen Angehörigen diesen Tag zu begehen. Und ausgerechnet in der Minute, in der die Maschine in den Berg gestürzt worden ist, fand hier in Berlin mit großem Getöse und hoher Lautstärke eine Pressekonferenz statt, die alles wieder in Frage stellt. Das ist für die Angehörigen ganz schwer zu verkraften.

domradio.de: Wie bewerten Sie den Zeitpunkt dieser Pressekonferenz? 

Giemulla: Der war sicherlich nicht zufällig gewählt. Es sollte offensichtlich ausgenutzt werden, dass natürlich an diesem Tag die Aufmerksamkeit der Medien und der Allgemeinheit insgesamt sehr hoch ist. Offensichtlich wollte man sich diese Aufmerksamkeit zunutze machen, indem man hier mit einem lautstarken Fanal hineingrätscht.

domradio.de: Die Eltern des Copiloten haben diese Pressekonferenz gegeben. Ihr Sohn soll als Täter entlastet werden. Ist das für Sie in irgendeiner Weise vielleicht auch nachvollziehbar?

Giemulla: Ja, durchaus. Und das ist auch bei meinen Mandaten so. Es gibt natürlich eine gewisse Grundsolidarität zwischen Eltern, die ihr Kind verloren haben - das ist ja der eine Aspekt, den sie gemeinsam haben mit den Eltern von Andreas Lubitz.

Allerdings kommt noch etwas hinzu und da endet das Verständnis: Andreas Lubitz ist ja nach den Ermittlungen eindeutig als dpressiver Täter festgestellt worden. Dass seine Eltern ihn reinwaschen wollen, das nicht akzeptieren wollen, ist sehr verständlich. Es ist natürlich wahnsinnig schwer, dass das eigene Kind als Massenmörder in die Geschichte eingeht. Das kann man nachvollziehen. Nur, wie die Aufmerksamkeit des zweiten Jahrestages genutzt wurde, lässt auf ein zynisches Kalkül schließen, was natürlich den anderen Angehörigen nicht zu vermitteln ist.

domradio.de: Gab es Reaktionen der Opfer-Angehörigen auf die Aussagen in der Pressekonferenz?

Giemulla: Ich habe bisher noch nicht mit meinen Mandanten gesprochen, weil sie sich ja zur Zeit in Frankreich aufhalten, aber wir werden das sicherlich tun. Im Vorfeld haben wir viel telefoniert und ich weiß deswegen, wie schwer dieser Schlag für die Angehörigen gewesen ist. Wir müssen jetzt die Aussagen der Pressekonferenz analysieren. Sie beziehen sich eigentlich nur am Rande auf die Fakten selbst, die festgestellt worden sind und mehr auf Verfahrensschwächen, die zugegebenermaßen tatsächlich passiert snd. Aber das ändert nichts an den Ergebnissen. Meine Mandanten wollen natürlich genauer wissen, wie diese Aussagen zu werten sind. Ich muss sie aus dieser tiefen Trauer, die sie jetzt durchleben, wieder versuchen herauszuholen.

domradio.de: Viel wurde auch über das Thema Schadenersatz gesprochen. Wie ist der Stand da?

Giemulla: Wir haben uns mit Germanwings über den Ersatz der materiallen und finanziellen Einbußen geeinigt. Es ist alles bezahlt worden - beispielsweise Beerdigungskosten oder verlorengegangene Unterhaltsansprüche durch den Tod des Ernährers. Das ist überhaupt kein Problem gewesen. Aber wir stoßen uns an der geringen Höhe des Schmerzensgeldes, das an die Hinterbliebenen gezahlt worden ist - 10.000 Euro pro nahem Angehörigen.

Uns ist klar, dass man Menschen ohnehin nicht mit Geld aufwiegen kann und das auch gar nicht versuchen sollte. Aber zur Bewältigung ihrer Trauer benötigen die Angehörigen auch hin und wieder Geld. Wenn sie es zum Beispiel nicht aushalten, zu Weihnachten zu Hause zu sein, weil die Erinnerungen sie dann wirklich überwältigen und deswegen über die Weihnachtsferien einen Urlaub gebucht haben, dann ist das keine Geldgier. Dann brauchen sie das, um das Ganze zu verarbeiten, um nicht unterzugehen. Das sind Dinge, die natürlich finanziert werden müssen.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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