Paul M. Zulehner
Paul M. Zulehner
Der Begriff "Gott" auf einer Tafel
Der Begriff "Gott" auf einer Tafel

23.03.2017

Theologe Zulehner über die Gottessehnsucht "Sie macht uns lebendig"

Der Wiener Theologieprofessor Paul Michael Zulehner schreibt in seiner 2014 veröffentlichten Autobiografie "Mitgift" vor allem über das Thema Gottessehnsucht. Im domradio.de-Interview erklärt er, was die Sehnsucht mit dem Menschen macht.

domradio.de: "Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir" - so fängt er an, der Psalm 63. In Ihrer Autobiografie nennen Sie ihn Ihren "Lieblingspsalm", auch Ihren Herzenspsalm. Was berührt Sie so an diesem Sehnsuchtspsalm? 

Prof. Paul Michael Zulehner (Priester, Pastoraltheologe und Religionssoziologe): Ich bete ihn als Priester jedes Mal, am ersten Tag in der ersten Woche, in der ersten Laudes, in der ersten Selle des Psalms. Es ist gleichsam die Überschrift allen formalen und öffentlichen Betens meiner Kirche. Das trifft auch mich persönlich sehr, weil ich bei dem französischen Psychotherapeuten Jacques Lacan gelesen habe, dass er den Menschen nur mit dem Wort Sehnsucht definiert. Er sagt dazu, dass diese Sehnsucht maßlos ist und nicht in Raum und Zeit passt. Sie ufert ständig aus, und er fügt hinzu, dass jeder Mensch zugleich scheitert, wenn er Sehnsucht lebt. Die Rechnungen bleiben immer offen; wir sind ständig nach mehr aus, als stattfindet.

Für mich als gläubigen Menschen stellt sich die Frage, was diese maßlose Sehnsucht, die nicht in Raum und Zeit passt, für einen Sinn hat. Theologisch gesehen bedeutet das für mich, dass wir offenbar mit einem Gott zu tun haben, der genau die Widerspiegelung dieser maßlosen Sehnsucht meines Herzens ist. Um es mit Heinrich Böll auszudrücken: Die Welt ist für den Menschen immer zu klein; alles, was wir erleben, ist zu klein. Es ist nur fragmentarisch, es sind zwar Spuren des Glücks, aber es ist nie das ganze Glück. Die Sehnsucht des Menschen geht daher von jemandem aus, der nicht in Raum und Zeit passt. Den nennen wir gläubig "Gott".

domradio.de: "Unser Herz ist unruhig, bis es ruht in dir" - das berühmte Zitat des Kirchenvaters Augustinus ist das Zitat, das die Sehnsucht des Menschen nach Gott beschreibt. Was macht diese Sehnsucht mit dem Menschen? 

Zulehner: Das ist heute eine sehr spannende Frage geworden. Nach meinen Studien leben viele Zeitgenossen unter einem offenen Himmel. Sie sind nicht mehr in der Lage, ihre maßlose Sehnsucht an einem Gott festzumachen. Doch die Sehnsucht stirbt nicht dadurch, dass man sie nicht an Gott festmacht, sie bleibt im Herzen lebendig. Sie suchen neue Ziele für die Sehnsucht. Die spannende Frage ist: Wie geht ein Mensch mit einer maßlosen Sehnsucht in einer mäßigen Welt um? Marianne Gronemeyer hat dazu das sehr gute Buch "Das Leben als letzte Gelegenheit" geschrieben. Sie beschreibt Menschen, die das Maßlose in mäßiger Zeit suchen. Sie sagt dazu: Man muss immer schneller leben. Man ist immer mehr gefährdet, sich zu überfordern.

Diese Situation führt auch dazu, dass wir ständig von der Angst gepeinigt sind, zu kurz zu kommen. Die Angst, zu kurz zu kommen und den anderen Menschen immer als Rivalen zu betrachten, zum Beispiel in der Zeit der Flüchtlinge, verfolgt uns in der heutigen Zeit. Diese Art des Lebens moderner Zeitgenossen ist eine sehr prekäre Form. Ich verstehe, dass eine zunehmende Zahl von Menschen das Weite sucht und zum Beispiel den Drogen oder der Spielsucht verfällt. Das kann auch in die psychosomatische Krankheit oder in Sekten gehen. Manche nehmen sich das Leben, weil sie sagen, dass irgendetwas in ihrem Leben nicht stimmt. Diese Gesellschaft und die Tatsache, dass unsere Sehnsucht keinen Platz auf diese Erde hat, machen uns krank.

domradio.de: Gott bleibt uns Menschen letztlich Geheimnis, eigentlich ein unaussprechliches Geheimnis. Da bleibt das Sprechen über Gott, über die Sehnsucht nach ihm oftmals nur Annäherung. Sehnen Sie sich danach, solche tiefen spirituellen Erfahrungen auch sprachlich ausdrücken zu können?

Zulehner: Ich finde es schön, dass ich mich in diesem Text des David wiederfinde "Gott, du mein Gott, ich suche dich." Marie von Ebner-Eschenbach schreibt: "Nicht jene sind zu bedauern, deren Träume nicht in Erfüllung gehen, sondern die, die keine Träume mehr haben". Die Sehnsucht an sich macht uns schon lebendig. Wer keine Sehnsucht mehr hat, ist schlicht mit seinem Leben fertig. Aber ich finde es noch besser, diese Sehnsucht in Ritualen, in tiefer Stille und in der Versenkung unterzubringen.

Da sind die deutschen Mystiker eine Lernhilfe, denn sie sagen: "Geh ganz in deine Tiefe hinein, und versuche dort in Berührung zu kommen mit dem, wonach sich dein Herz sehnt." Man muss Gott nicht nur Außen suchen, wo man ihn auch in Spuren in der Natur findet. Der eigentliche Wohnort Gottes und damit das eigentliche Ziel meiner Sehnsucht finde ich, wenn ich diese Reise nach Innen antrete. Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, also jemand, der etwas erfahren hat - in diesem Sinne innerhalb der Sehnsuchtssuche. Anderenfalls wird er nicht mehr Christ sein können.

domradio.de: In Ihrer Autobiografie fallen die vielen Gedichte auf, die Sie einflechten, besonders auch von Rainer Maria Rilke. Ist in Ihren Augen poetische Sprache dem Geheimnis angemessener als alltägliche oder auch wissenschaftliche Sprache?

Zulehner: Mit Sicherheit kommt die poetische Sprache dem Ganzen näher. Wenn man profan über Liebe schreiben kann, bekommen die Liebesgedichte eine ganz neue Qualität im Vergleich zu dem, wie ich über die Noten einer Mozart-Sinfonie schreiben kann. Gerade in der Kunst, der Poesie, dem Theater, kann diese Sehnsucht sehr gut thematisiert werden. Gleichsam finde ich für das, was in mir vorgeht, in diesen Sprachbildern wunderbare Hilfe. In dieser Sprache finde ich Wohnhäuser für meine Sehnsucht. Damit kann man auch getröstet werden.

domradio.de: In Ihrem Buch über Ihr Leben geben Sie der Freundschaft ein ganz großes Gewicht. Welche Sehnsucht drückt sich darin aus - ist es die Sehnsucht nach Nähe? 

Zulehner: Es ist das Wissen, dass der einzelne Mensch nie für sich allein Mensch sein kann. Das beginnt von Kindesbeinen an, wo  wir angewiesen sind, als elterliche Menschen das Gesicht über uns leuchten lassen. Es ist eine wunderbare Geschichte, die Gott mit uns inszeniert: Ständig lässt er Menschen in unser Leben hereintreten, bei denen es eine intensivere Kommunikation und einen Austausch gibt, bei dem Freundschaft und Liebe wächst. Nur so kann das menschliche Leben reifen. Wir sind Ebenbilder eines liebenden Gottes. Das bedeutet, dass wir nur Menschen sind, wenn wir auch selber liebende Menschen werden. Da gibt es viele Möglichkeiten, das zu realisieren. In meinem Umkreis habe ich viele Menschen, die ich von Herzen gern habe und lieben kann. Das macht mein Leben schön und reich.

domradio.de: Ist das eine Sehnsucht, die für jeden Menschen gilt?

Zulehner: Das glaube ich schon. Daher tun mir alle Menschen leid, die um sich herum eine Mauer von Angst bauen. Es scheint, dass sie in ein Gefängnis gesperrt sind und kaum mehr die Kraft finden, sich zu verausgaben. Darin besteht die eigentliche Wahrheit der Liebe: Dass ich lerne, von mir abzusehen und ein Selbst, das ich im Laufe meines Lebens gewonnen habe, verausgabe. Im Akt der Liebe werde ich Mensch -das ist der einfache Königsweg der Menschwerdung. Das gilt sowohl für den Atheisten, als auch für den gläubigen Menschen in gleicher Weise.

domradio.de: Auch Menschen wie Atheisten, die nur um sich kreisen und nicht aus sich herauskommen, haben Sehnsüchte. Was passiert, wenn diese Sehnsüchte blockiert sind und nicht ausgelebt werden können? 

Zulehner: Ich glaube schon, dass auch Atheisten normalerweise Momente in ihrem Leben erfahren, die eine Liebe erkennen. Dort erleben sie etwas von der Realisierung ihrer maßlosen Sehnsucht. Ein guter Atheist wird sagen: Ich erinnere mich zurück, und kann morgen wieder auf solche neuen Momente hoffen. Genau dieser Wunsch nach vorne, hält auch einen Atheisten am Leben.

domradio.de: Kann "maßlose Sehnsucht" gut und schlecht gleichzeitig sein?

Zulehner: In ihrer inneren Dynamik macht sie den Menschen aus, der sehr zwiespältig ist. Als Atheist steht die Erfüllung immer aus. Das eigentliche Lebenselixier ist  die Sehnsucht, die der Mensch hat. Nelly Sachs sagt daher: "Sehnsucht ist der Anfang von allem." Es ist eine klare poetische Erklärung dafür, wie lebensnotwendig die Sehnsucht in unserem Herzen ist. Sie macht uns zu liebenden Menschen, und wenn der Mensch von der Sehnsucht getrieben nicht über sich hinausgeht, dann bleibt er in seinem eigenen Ich gefangen. Das ist eine laut Jean-Paul Sartre "höllische Existenz".

domradio.de: Sie haben die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil aus nächster Nähe erlebt, gelebt und auch kritisch begleitet. Was ist Ihre größte Sehnsucht, wenn Sie an die nähere Zukunft  der katholischen Kirche denken?

Zulehner: Ich glaube schon, dass Papst Franziskus uns da schon einige Lektionen erteilt hat. Ich habe die Sehnsucht, dass die Kirche nicht moralisiert, sondern die Wunden der Menschen heilt. Dass sie nicht Gesetze vertritt, sondern dem einzelnen Menschen hilft, dass sein Leben vorankommt. Dass sie nicht ideologisch mit dem Menschen umgeht, sondern ein guter Hirte ist. Sie soll den Menschen nicht in einen Gerichtssaal zerren. Wir sind heute mitten in dieser Entwicklung, die eine wunderbare Entwicklung für die Kirche ist, da sie eine menschenfreundliche Kirche wird. Sie realisiert immer mehr Gottes Tun in der Welt. Auf diesem Weg werden wir weiter schreiten, und das wird eine sehr gute Zeit für die Kirche sein, in die wir gehen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(dr)

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