Rüdiger Safranski
Rüdiger Safranski

20.03.2017

Sehnsucht aus philosophischer Sicht "Die Romantik ist sehr religiös"

Die Sehnsucht nach Gott bewegte den Kirchenvertreter Augustin - und auch die Romantiker des 19. Jahrhunderts waren erfüllt von der Sehnsucht nach etwas Höherem. Ein philosophischer Blick auf die Sehnsucht mit Professor Rüdiger Safranski.

domradio.de: Wie unterscheidet sich die Sehnsucht der deutschen Romantik von der des Kirchenvaters Augustinus?

Prof. Rüdiger Safranski (Philosophie-Professor und Kenner der Romantik): Augustinus sehnt sich danach, in Gott Ruhe zu finden. Die Ruhe ist ein Stichwort. Die romantische Sehnsucht liebt die Sehnsucht selbst; sie liebt gerade das Unruhige.

domradio.de: Inwieweit spielte Gott bei den großen Vertretern der Romantik eine Rolle?

Safranski: Das trifft den Kern der Romantik. Die Romantik ist noch sehr religiös, aber sie ist es mit ästhetischen Mitteln. Der Gott der Offenbarung spielt nicht mehr die entscheidende Rolle, sondern, wie der Theologe Friedrich Schleiermacher gesagt hat: "Dieses Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit und auch das Gefühl nach Unendlichkeit". Romantisch ist eine ganz unbestimmte Art von Religiosität, wo das Transzendieren das Entscheidende ist. Romantik ist die Fortsetzung der Religion mit anderen, vor allem ästhetischen Mitteln.

domradio.de: Für Augustinus war das Gebet und die Heilige Schrift Mittler zum Höheren. Welche Mittler gab es in der Romantik?

Safranski: Es ist gut, dass wir auf die Bibel zu sprechen kommen. Der Theologe Friedrich Schleiermacher hat gesagt: "Die Bibel kann sich zur Not jeder selber schreiben." Romantiker waren von ihrer eigenen imaginativen, fantastischen Mächtigkeit sehr überzeugt. Dazu kommt noch eine Sache, die zur Romantik gehört, weil wir über Sehnsucht sprechen: Man ist verliebt, ist aber ins Verlieben verliebt. Man ist sehnsüchtig, genießt aber dieses Gefühl der Sehnsucht. Man will gar nicht ankommen, sondern man will das Gefühl der Sehnsucht auskosten, denn das Ankommen könnte ja langweilig und enttäuschend sein. 

domradio.de: Augustinus gründete seine Sehnsucht nach Gott in der Überlieferung der Heiligen Schrift. Welche Rolle spielte die Vergangenheit für die Sehnsuchtssuche in der Romantik?

Safranski: Die Vergangenheit spielt eine große Rolle. Die Romantiker gehören gerade auch als geistige Bewegung im frühen 19. Jahrhundert zu denjenigen, die wieder die Tiefe der Geschichte erfassen wollen. Die Romantiker sind eigentlich konservativ. Sie wollen das Alte in der Erinnerung festhalten und daraus auch eine Zukunft machen. 

domradio.de: Welche Rolle spielte die schon damals wirkende Säkularisierung für die romantische Sehnsucht?

Safranski: Die Romantik ist eine Antwort auf die Säkularisierung. Die Romantiker leben davon, dass sie Angst vor der Trivialität und vor dem Ökonomismus haben, und vor der Entzauberung der Wirklichkeit. Die Romantiker haben das Gefühl, dass die Moderne sehr leistungsfähig ist, aber die ganze Wirklichkeit um viele Dimensionen schrumpft. Sie wird zwar ökonomisch erfolgreich, aber sinnleer. Das war die große Befürchtung der Romantik und das ist auch aktuell, denn genau das ist geschehen: Die Romantik rebelliert gegen das Gefühl des wachsenden Nihilismus.

domradio.de: Welche Rolle spielt der Tod in der Romantik?

Safranski: Der junge Novalis, der große exzessive Romantiker, hat eine ganze Todessehnsucht kultiviert, aus diesem platonischen Gefühl, dass die Seele weiterleben wird. Der Zustand des Todes ist zugleich ein Zustand des anderen Lebens. Das war für Novalis eine entscheidende Sache, aber das war nicht für alle Romantiker so. Es gab natürlich auch große Todesangst, aber die Romantiker versuchten dann, auch dem Tod das triviale Gesicht wegzunehmen und ein Geheimnis daraus zu machen. 

domradio.de: Gibt es auch heute in der digitalisierten Welt noch die Sehnsucht als Thema der Philosophie?

Safranski: Weniger, weil es das Kennzeichen der Digitalisierung ist, dass man sich mit einem Mausklick aus der Ferne alles in die Nähe holen kann. Das heißt, dass mit der Digitalisierung die Entfernung entfernt wird. Und wenn dies geschieht, und die Nähe mit einem Mausklick auf globaler Ebene ist, dann hat die Sehnsucht gar keine Chance mehr.

domradio.de: Philosophisch gesehen leben wir heute also in einer Zeit, in der die Sehnsucht abhanden gekommen ist?

Safranski: Ja, ziemlich. Zum Beispiel kommt die Fähigkeit abhanden, zwischen dem Bedürfnis und seiner Erfüllung einen langen Zeitraum zu legen. Wir werden immer stärker darauf geprägt, dass die Befriedigung sofort geschieht. Wir können nicht mehr mit Zwischenräumen leben. Das ist eine Rückbildung des Sinnes von Abstand und Ferne.

Das Gespräch führte Birgit Schippers.

(dr)

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