Hasskommentare im Internet
Hasskommentare im Internet
Württembergischer Landesbischof Frank Otfried July
Württembergischer Landesbischof Frank Otfried July

16.03.2017

Evangelischer Landesbischof verurteilt Hasskommentare im Netz "Das gehört sich nicht für einen Christen"

Hasskommentare im Internet werden zu einem zunehmenden Problem in der Gesellschaft, auch für Kirchenvertreter. Der württembergische evangelische Landesbischof Frank Otfried July spricht sich im Interview deshalb für mehr Selbstreflexion aus.

domradio.de: Man bekommt den Eindruck, dass Hasskommentare in sozialen Netzwerken immer mehr zunehmen. Sehen Sie das auch so?

Frank Otfried July (Landesbischof der evangelischen Kirche in Württemberg): Ja, leider ist das festzustellen. Das hängt natürlich damit zusammen, dass die technischen Möglichkeiten noch besser werden, irgendwie anonym zu bleiben, dass die Reichweite und die Verbreitung noch weiter gehen. Manche trauen sich nicht aus der Deckung zu gehen und können jetzt in der Deckung bleiben. In den sozialen Netzwerken können sie alles, was sie in den Abgründen der Seele angesammelt haben, unkontrolliert rausschleudern. Das ist schrecklich, weil es die Kommunikation in unserer Gesellschaft stark beeinträchtigt.

domradio.de: Gehört sich das denn für einen Christen?

July: Nein, meiner Meinung nach nicht. Ein Christ kann durchaus streiten, und wir wissen das ja, dass es unterschiedliche Meinungen zu politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Themen gibt. Es ist in Ordnung, wenn man in unseren Kirchen auch engagiert diskutiert. Aber was sich überhaupt nicht gehört, ist die Würde des anderen Menschen - der ja auch ein Ebenbild Gottes ist, auch wenn er mir nicht gefällt - herabzusetzen und zu zerstören. Das ist ja genau das, was durch so eine Sprache und solche Hass-Emails geschieht.

domradio.de: Verrückterweise ist es so, dass besonders unter christlichen Botschaften und Seiten rechte und fremdenfeindliche Kommentare auftauchen. Gibt es da einen Zusammenhang?

July: Es gibt manche, die sich als Christen verstehen und sicher auch den christlichen Glauben bekennen, die aber ein sehr geschlossenes Weltbild haben. Da wird, finde ich, der Glaube zu einer Ideologie, zu einem geschlossenen Raum. Wenn dann jemand kommt und diesen Raum aus deren Sicht angreift oder verunsichert oder dieses geschlossene System berührt, dann wird heftig und aggressiv reagiert. Manche meinen, dadurch den Glauben auf eine besondere Art zu verteidigen. In Wirklichkeit ist es aber eigentlich Unglaube, weil Christus uns erlöst und befreit. Furcht ist nicht in der Liebe, und deswegen sollten solche Kommentare sich nicht als besonders christlich verstehen. Sie sind meiner Meinung nach nicht christlich.

domradio.de: Die Bundesregierung hat jetzt ein neues Gesetz beschlossen, das die Anbieter von Plattformen wie Facebook oder Twitter mehr in die Pflicht nimmt, und Hasskommentare auch strafrechtlich verfolgen lassen wird. Sie sagen, das reiche nicht aus, und jeder einzelne müsse sich engagieren. Da raten Sie dazu: "Erst denken, dann posten".

July: Genau. Es geht uns ja allen so, dass man sich schnell einmal über etwas aufregt. Früher gab es den Vorteil des längeren Nachdenkens und so ging es mir immer: Ich habe mich hingesetzt und einen handschriftlichen Brief geschrieben, den aber liegen lassen. Am nächsten Morgen habe ich mir dann gedacht: "Nein, das muss nicht sein." Bei E-Mails geht es dann gleich in die Tasten. Das wäre manchmal schon gut, wenn man noch eine Reflexionsschleife dreht und sich überlegt, was man da schreibt.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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