Gegen menschenverachtende Stammtischparolen
Gegen menschenverachtende Stammtischparolen

16.02.2017

Bundesweite Angebote gegen Rassismus im Alltag - und im Web Den Mund aufmachen

​Pöbeleien, Beschimpfungen, teils sogar Morddrohungen: Der Ton in vielen öffentlichen Debatten hat sich verschärft. Verschiedene Initiativen gehen dagegen nun bewusst und gezielt vor.

Immer mehr Menschen kennen das Problem: Ein alter Freund, eine nette Kollegin, vielleicht sogar ein Familienmitglied äußert neuerdings politische Ansichten, bei denen man sich unbehaglich fühlt. Aber beim gemütlichen Kneipenabend oder in der ersehnten Kaffeepause einen Streit vom Zaun brechen? Und was soll man überhaupt sagen?

Verschiedene Organisationen wollen genau diese Frage beantworten - zum Beispiel die Bundeszentrale für politische Bildung. Unter dem Motto "Was sage ich, wenn..." bietet sie Hilfestellungen an, wie sich etwa Antisemitismus oder Homophobie begegnen lässt. Plakate listen knappe Hintergrundinfos zu verschiedenen Themen auf. Daneben stehen konkrete Tipps wie der, das Gegenüber mit sachlichen Fragen zu irritieren, keine Moralpredigt zu halten oder auch schlicht anzumerken, dass man abfällige Aussagen über die betroffene Gruppe nicht hören möchte.

Pilotprojekt der Caritas in Essen

"Stammtischgespräche" hat ein Schauspieler-Duo bei einem Projekt der Caritas im Bistum Essen nachgestellt, um mit den Gästen ins Gespräch über Populismus zu kommen. An den Kneipenabenden, Argumentationstrainings, Workshops gegen Hassrede und einem Fachtag unter dem Motto "Sach wat! Tacheles für Toleranz" hätten mehr als 600 Menschen teilgenommen, sagt Sprecher Michael Kreuzfelder. Die Idee hat bundesweit für Aufsehen gesorgt, in zwei Städten gibt es jetzt schon ähnliche Projekte.

Der ursprüngliche Auslöser für den erhöhten Bedarf an Maßnahmen gegen den Hass im Alltag war nach Einschätzung von Kreuzfelder der Flüchtlingszuzug. Selbst im Ruhrgebiet, das historisch betrachtet lange Erfahrung mit Migration hat, habe sich die Stimmung verändert:

"Zeichen gegen Hass, Gewalt und Intoleranz"

"Als Caritas-Mitarbeiter haben wir Anfeindungen erlebt, weil wir helfen." Hass und Hetze hätten etwa in Online-Foren und Sozialen Netzwerken zugenommen; zugleich machten eben diese Plattformen das Problem sichtbarer als zuvor.

Politische Gruppen wie die AfD hätten zu der Feindseligkeit weiter beigetragen, sagt Kreuzfelder. "Gerade vor den Wahlen in diesem Jahr wollten wir deshalb mehr Menschen dazu befähigen, im Alltag den Mund aufzumachen." Als kirchlicher Wohlfahrtsverband sei es auch Aufgabe der Caritas, ein Zeichen gegen Hass, Gewalt und Intoleranz zu setzen.

Informieren um mitzureden

In Bezug auf Online-Hetze rät das Bundesfamilienministerium, sich über aktuell diskutierte Themen zu informieren, um mitreden zu können. Auch sei es wichtig, Falschmeldungen und Hassbotschaften bei den jeweiligen Internet-Plattformen zu melden.

Zu Wochenbeginn betonte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), um wirksam gegen Hass und Hetze im Internet vorzugehen, müssten die Betreiber von Internetdiensten in die Pflicht genommen werden, extremistische Botschaften und Aufrufe zu Gewalt konsequent von ihren Plattformen zu verbannen. Auch gelte es, die digitale Zivilgesellschaft zu stärken.

#ichbinhier

Private Initiativen bemühen sich bereits um eine solche Gegenöffentlichkeit. Über 18.500 Menschen gehören inzwischen etwa der Facebook-Gruppe #ichbinhier an. Angelehnt an ein schwedisches Vorbild ist deren Ziel, mit Aufklärung gegen Hetze in den Sozialen Medien vorzugehen. "Wir glauben, dass Fakten, Mut und Freundlichkeit stärker sind als Gerüchte, Angst und Hass. Und dass jede einzelne positive Stimme das Klima besser macht", heißt es in der Selbstbeschreibung.

Gruppenmitglieder verlinken auf Kommentarspalten, in denen Diskussionen aus dem Ruder zu laufen drohen, und mischen sich mit sachlich-kritischen Beiträgen ein.

Extremisten 

Dies scheint umso wichtiger je mehr auch Rechtsextreme im digitalen Bereich aufrüsten. Laut einer Studie der Zentralstelle der Länder, jugendschutz.net, versuchen sie gezielt, im Internet junge Menschen für ihre Ziele zu gewinnen.

"Da verpackt die Identitäre Bewegung ihre Propaganda in coole Hip-Hop-Songs oder es tauchen bei Facebook Nazi-Parolen zwischen Fotos von Erdbeerkuchen und Müsli auf", erklärt der stellvertretende Leiter von jugendschutz.net, Stefan Glaser. Ganz ähnliche Strategien beobachten die Jugendschützer auch bei anderen Extremisten: den Anwerbern von Terrormilizen.

Paula Konersmann
(KNA)

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