Fernsehen: Für viele Menschen mit Behinderung immer noch ein Problem
Fernsehen: Für viele Menschen mit Behinderung immer noch ein Problem

11.01.2017

Aktion Mensch zur Mediennutzung von Menschen mit Behinderung Verbesserungspotential vorhanden

Fernsehen, Filme gucken oder eine Serie sehen: Für viele Menschen mit Behinderung ist das nach aktueller Studie der Medienanstalten mit der Aktion Mensch immer noch ein Problem. Dabei wären die technischen Voraussetzungen gegeben.

domradio.de: Welche Einschränkungen gibt es denn für behinderte Menschen, wenn es um die Mediennutzung geht?

Christina Marx (Aktion Mensch): Das sind eigentlich ganz einfache und gut vorstellbare Dinge. Wenn man eine Sehbehinderung hat und fernsehen will, dann ist man darauf angewiesen, dass das, was gerade im Bild passiert, beschrieben wird. Das nennt sich in der Fachsprache Audiodiskription. Oder wenn man schlecht hören kann, dann sind Untertitel von unwahrscheinlich großer Bedeutung, so dass man nachlesen kann, was gesagt und besprochen wird.

domradio.de: Das klingt danach, als könne man an diesen Stellen relativ leicht nachhelfen. Wie verbreitet sind diese Hilfsmittel denn?

Marx: Das ist ganz unterschiedlich, vor allem was den privaten und den öffentlich-rechtlichen Sektor angeht. Die öffentlich-rechtlichen Programme sind in dieser Hinsicht schon sehr viel weiter. Man kann sagen, etwa 70 Prozent der Angebote sind tatsächlich untertitelt, nicht unbedingt aber auch mit Audiodiskription unterlegt. Wenn man beispielsweise den Tatort in der ARD schaut, dann sieht man oben rechts im Bildschirm häufiger ein Symbol, das mit einem Ohr zeigt, dass es dazu auch eine Audiodiskription, beziehungsweise Untertitel gibt. Bei den Privatsendern, die dazu keine gesetzliche Verpflichtung haben, sieht das anders aus. Da würden wir schätzen, dass es circa 30 Prozent der Angebote sind, die barrierefrei gestaltet worden sind.

domradio.de: Da kann man sich fragen, warum das so ist. Man könnte meinen, dass auch die privaten Sender wirtschaftliche Vorteile daraus ziehen können, wenn sie ihre Programme für weitaus mehr Menschen attraktiv gestalten.

Marx: Das stimmt. Wenn man sich überlegt, dass ungefähr zehn bis 15 Prozent der Menschen in Deutschland eine Behinderung oder chronische Erkrankung haben, dann ist das sicherlich ein Markt und ein Wirtschaftsfaktor. Es geht auch darum, dass diese Menschen am nächsten Tag über das mitreden können, was passiert ist. Nichtsdestotrotz ist das mit einem Aufwand verbunden. Die Sendungen müssen untertitelt werden. Dafür muss es vielleicht eine spezielle Redaktion geben. Es ist eben noch nicht alles automatisiert, auch wenn die technischen Hilfsmittel mittlerweile schon weit fortgeschritten sind. Es gibt da also noch ein Potential.

domradio.de: Sie haben in Ihrer Studie aber auch die Inhalte untersucht, also das Programm, das Menschen mit Behinderung interessiert. Ist es so, dass sie prinzipiell die gleichen Sachen anschauen oder konsumieren, wie Menschen ohne Behinderung?

Marx: Ja, ganz eindeutig. Das ist auch einer der Kritikpunkte der Befragten. Viele sagen, es gebe manchmal Spezialsendungen, die untertitelt sind. Man wolle aber vielleicht lieber "Frauentausch" oder "Bauer sucht Frau" schauen oder das Fußballprogramm richtig verfolgen, um dann am folgenden Tag mitreden zu können. Es macht also überhaupt keinen Unterschied, ob man eine Behinderung hat. Diese Menschen wollen deshalb auch nicht etwas anderes gucken.

domradio.de: Gerade jüngere Leute schauen immer weniger Fernsehen und nutzen mehr Computer und Smartphones. Wie sieht es denn da aus mit der Barrierefreiheit?

Marx: Zum Thema Smartphone und Fernsehen ist es erstaunlich, dass noch immer auch jüngere Menschen mit Behinderung gerne lineares Fernsehen sehen. Sie schauen das Fernsehprogramm dann, wenn es läuft. Beim Smartphone gibt es bereits unwahrscheinlich viele Apps, die helfen. Es gibt Apps, die automatisch untertiteln. An der Stelle sagen wir, dass das nicht nur Menschen mit Behinderung nützt, sondern der Allgemeinheit. Wie viele Menschen sehen wir in der Straßenbahn oder im Bus, die eigentlich nur noch ihr Smartphone vor der Nase haben. Wie viele Filme werden dabei alleine konsumiert? Wenn man dabei Untertitel hat, dann nützt das jedem und stört auch nicht den Nachbarn. Da zeigt sich schon vieles, was möglich ist.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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