Rentner bei Malerarbeiten
Rentner bei Malerarbeiten

30.08.2016

Wachsende Zahl von Rentnern als Mini-Jobber Zubroterwerb im hohem Alter

Immer mehr Rentner in Deutschland bessern ihr Einkommen mit einem Minijob auf - auch Menschen ab 75. Das Kolpingwerk Deutschland sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf und stellt das Rentenmodell der katholischen Verbände vor.

domradio.de: Warum wollen immer mehr Rentner arbeiten, haben sie Langeweile?

Oskar Obarowski (Referent für Arbeit und Soziales beim Kolpingwerk Deutschland): Mit Sicherheit haben sie keine Langeweile. Es gibt allerdings auch verschiedene Stimmen, die zu der steigenden Zahl von Rentnern mit Minijobs sagen, dass Arbeit Sinn stifte, was ja auch in der christlichen Welt eine Rolle spielt, auch dass Arbeit dem Tag Struktur gebe usw. So könnte man behaupten, dass ein Großteil der Menschen über 65, die so genannten geringfügigen Beschäftigungen nachgehen, tatsächlich arbeiten wollen.

domradio.de:  Diese Menschen könnten ja auch ehrenamtlich arbeiten…

Obarowski: Ja genau. Ich kann an einer persönlichen Geschichte deutlich machen, wie die Realität für viele Rentner aussieht. Ich habe Sonntagabend zum Tatort mir eine Pizza bestellt. Und als es klingelte, stand nicht ein Student, sondern eine ältere Dame vor der Tür. Und diese ältere Dame hat die Pizza ausgeliefert in den dritten Stock, wo ich wohne. Als ich dann runterschaute habe ich gesehen, dass sie mit einem kleinen, privaten Auto die Pizza ausfährt. Und ich bin überzeugt, diese ältere Dame war gezwungen, etwas im Alter dazu zu verdienen.

domradio.de: Sind es mehr Frauen als Männer, die ihre Rente durch Minijobs aufbessern müssen?

Obarowski: Es sind mit Sicherheit mehr Frauen. Das hat damit zu tun, dass sich in den letzten Jahrzehnten die Lebenswelt der Frauen und die Erwerbsbiographien, also wie Menschen arbeiten, verändert haben. Die klassische Vollzeitarbeit, 40-Stunden-Woche, verschiebt sich in Richtung von mehr Teilzeitarbeit, insbesondere bei Frauen. Und spätestens seit der Agenda 2010 gibt es in Deutschland zunehmend so genannte atypische Beschäftigungen, bei denen befristete Verträge oder Langzeitarbeitslosigkeit in vielen Erwerbsbiographien eine Rolle spielen. Und dadurch können nicht mehr die Rentenpunkte gesammelt werden, um im Alter eine angemessene Rente zu beziehen.

domradio.de: Wie kann man erklären, dass nach neuster Statistik auch immer mehr Menschen über 75 Jahren auf Zusatzjobs angewiesen sind?

Obarowski: Das ist sicher eine sehr erschreckende Zahl, die jetzt veröffentlicht worden ist. Da muss man sicher noch einmal genauer in die Datensätze hereinschauen, was sie für Erklärungen liefern. Ich persönlich schlussfolgere, dass dadurch, dass wir Menschen immer älter werden, dass diese Bevölkerungsgruppe, die auf geringfügige Beschäftigungen und Nebenjobs angewiesen sind, älter wird und dadurch gezwungen ist, ab 75 Jahren zu arbeiten.

domradio: Wie kann man angesichts dieser drohenden Altersarmut vorbeugen?

Obarowski: Das Kolpingwerk Deutschland hat mit den katholischen Verbänden, unter anderen auch mit der KAB (Katholische Arbeitnehmer-Bewegung, Anm. Redaktion), ein Rentenmodell entwickelt, das sich ganz konkret mit der Altersvorsorge auseinandergesetzt und das Modell der katholischen Verbände entwickelt. Es hält an der Gesetzlichen Rentenversicherung fest, denn die Gesetzliche Rentenversicherung ist umlagenfinanziert.

Durch die Weltwirtschaftskrise und die Niedrigzinspolitik merken wir, dass eine kapitalgedeckte Vorsorge nicht die sicherste Vorsorgeform ist. Wir müssen also schauen, dass wir das Risiko solidarisch verteilen und auf breite Schultern stellen. Deshalb sieht das Modell der katholischen Verbände eine Sockelrente vor, die jeder Bürger bekommt und finanziert, also alle Einkommensarten sollen daran beteiligt werden, auch die Selbstständigen zahlen darin ein, was heute noch nicht der Fall ist. Dann gibt es eine Arbeitnehmerpflichtversicherung, und als dritte Stufe kommen die betriebliche Vorsorge und die private hinzu.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

Birgitt Schippers
(dr)

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