Armut geht uns alle an
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06.07.2016

Deutsches Kinderhilfswerk fordert Maßnahmen gegen Kinderarmut "Alleinerziehende stärker unterstützen"

Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert die Politik auf, durch eine verstärkte Förderung von Alleinerziehenden und ihren Kindern die Kinderarmut in Deutschland zu bekämpfen. Anlass sind aktuelle Ergebnisse einer Studie der Bertelsmann Stiftung.

"Die heute von der Bertelsmann Stiftung vorgelegte Studie "Alleinerziehende unter Druck" zeigt, dass Alleinerziehende besonders stark von Armut betroffen sind, und das mit steigender Tendenz. Die Leidtragenden sind vor allem die Kinder. Um hier Abhilfe zu schaffen, muss in erster Linie gewährleistet sein, dass Alleinerziehende sich und ihre Kinder durch eine Erwerbstätigkeit selbst ernähren können", betont Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Steuersystem überdenken

Hierzu brauche es ausreichende und flexible Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie eine stärkere Unterstützung von Alleinerziehenden bei Weiterbildungen oder dem Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt, so Hofmann. Daneben sollte auch das derzeitige Steuersystem überdacht werden, denn Alleinerziehende würden ähnlich besteuert wie Singles, während verheiratete Paare vom Ehegattensplitting profitieren könnten.

Auch der Unterhaltsvorschuss und der Kinderzuschlag gehörten reformiert und ausgeweitet, damit Alleinerziehende und ihre Kinder gar nicht erst in den Grundsicherungsbezug rutschen. Nicht zuletzt brauche es armutsfeste Hartz IV-Regelsätze, ergänzt der Bundesgeschäftsführer.

Hohe Frauenanteil bei Alleinerziehenden

Der überwiegende Anteil der Alleinerziehenden sind Frauen. Ursache für ihre hohe Armutsrisikoquote sind insbesondere instabile und befristete Arbeitsverhältnisse und die oft mit frauentypischen Branchen einhergehenden geringen Stundenlöhne. Dazu kommen die steigenden Kosten nach einer Trennung oder Scheidung, geringe, unregelmäßige oder ganz ausbleibende Unterhaltszahlungen und mangelhafte Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie die unzureichende Ausgestaltung monetärer familienpolitischer Leistungen.

Die Hälfte aller im Hartz IV-Bezug lebenden Kinder wächst bei Alleinerziehenden auf. Diese Kinder sind häufig Versorgungsdefiziten ausgesetzt, die sich auf ihre Gesundheit, ihre Chancen im Bildungssystem sowie auf ihr späteres Berufsleben auswirken können.

Regelsätze anheben

"Um Kindern eine gerechtere Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, muss das Recht auf ihr soziokulturelles Existenzminimum gesichert sein. So gibt es auch die UN-Kinderrechtskonvention in den Artikeln 26 und 27 vor. Durch die derzeitigen Hartz IV-Regelsätze und die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket wird die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Kindern und Jugendlichen aus armen Familien jedoch nicht ausreichend gewährleistet", so Hofmann weiter.

Deshalb sei es in einem ersten Schritt notwendig, die Regelsätze für Kinder und deren Eltern durch eine deutliche Anhebung armutsfest zu machen.

Reform des Unterhaltsvorschusses und des Kinderzuschlags

Außerdem plädiert das Deutsche Kinderhilfswerk für eine Reform des Unterhaltsvorschusses und des Kinderzuschlags. Der Unterhaltsvorschuss kann, wie zahlreiche Studien zeigen, für Kinder von Alleinerziehenden ein wirksamer Schutz vor Armut sein. Mit zunehmendem Alter der Kinder stiegen die Aufwendungen für Bildung, Freizeit, kulturelle Aktivitäten und Persönlichkeitsentwicklung. Gerade dann werde aber kein Unterhaltsvorschuss mehr gezahlt. Daher sollte dieser auch über das 12. Lebensjahr und die maximale Bezugsdauer von sechs Jahren hinaus bezogen werden können, formuliert das Deutsche Kinderhilfswerk.

Auch die volle Anrechnung des Kindergeldes bei Unterhaltsvorschussleistungen sei vor dem Hintergrund der hälftigen Anrechnung im Unterhaltsrecht nicht nachvollziehbar. Der Kinderzuschlag erreiche zudem nur einen kleinen Teil der anspruchsberechtigen Kinder und Jugendlichen.

Zu den komplizierten Beantragungsprozeduren kommen komplizierte Anrechnungsreglungen und die Höchsteinkommensgrenze, die dazu führen, dass Eltern zwischen Ämtern hin- und hergeschoben werden, sowie bei mehr Erwerbsarbeit der Bezug abrupt endet und der Familie weniger Geld zur Verfügung steht.

Infrastruktur für Alleinerziehende und ihre Kinder

Um den Armutskreislauf zu durchbrechen, brauche es neben der materiellen Absicherung, aber auch die entsprechende Infrastruktur für Alleinerziehende und ihre Kinder. Der vom Deutschen Kinderhilfswerk veröffentlichte Kinderreport 2016 zeige: Bildung ist der Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe und für den chancengerechten Zugang zu einer angemessenen beruflichen Entwicklung. In Deutschland hänge der Bildungserfolg von Kindern jedoch nach wie vor sehr stark von den Eltern und ihren Möglichkeiten ab.

Bildung beginne dabei nicht erst in der Schule. Nach Ansicht des Deutschen Kinderhilfswerkes müsse bereits im Bereich der frühkindlichen Bildung ein wesentlicher Fokus liegen. Neben einem Ganztagsangebot und flexiblen Öffnungszeiten, die insbesondere für Alleinerziehende von zentraler Bedeutung sind, brauche man für die Sicherung der Rechte von allen Kindern - gleich welcher Herkunft - eine qualitativ hochwertige Bildung, Erziehung und Betreuung sowie ein Qualitätsmanagement in der Kindertagesbetreuung, das auch den gestiegenen Anforderungen und Erwartungen an das Fachpersonal Rechnung trage.

Pressestelle des Deutschen Kinderhilfswerks / domradio.de

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