Weniger jugendliche Raucher
Manfred Lütz: "Nicht missionarisch das Nichtrauchen verkünden."
Autor, Psychotherapeut und Theologe Dr. Manfred Lütz
Autor, Psychotherapeut und Theologe Dr. Manfred Lütz

31.05.2016

Weltnichtrauchertag: Theologe Manfred Lütz kritisiert "Gesundheitsreligion" "Wenn Sie so über Tiere reden würden, käme der Tierschutzverein"

Am heutigen Weltnichtrauchertag wirbt der Theologe Manfred Lütz für einen entspannten Umgang mit Rauchern. Rauchen sei zwar schädlich, trotzdem dürften Raucher nicht dauernd pädagogisiert und bekehrt werden, mahnt Lütz im domradio.de-Interview.

domradio.de: Raucher werden ja von allen Seiten malträtiert. Ist das nicht auch ein bisschen hysterisch?

Dr. Manfred Lütz (Theologe und Leiter des Alexianer-Krankenhauses für psychisch Kranke in Köln): Ja, das ist nicht nur hysterisch, sondern es ist zum Teil auch eine Zumutung. Um das gleich klar vorweg zu sagen: Ich habe zwei Töchter, die 18 und 19 Jahre alt sind. Und ich möchte natürlich nicht, dass die rauchen, obwohl die Älteste jetzt damit anfängt. Ich finde, es ist tatsächlich etwas Schädliches. Aber die Art und Weise, wie mit Rauchern in unserer Gesellschaft umgegangen wird, finde ich total übertrieben und auch eine Zumutung. Da werden erwachsene Leute wie kleine Kinder behandelt und es wird pädagogisch von morgens bis abends über Raucher geredet. Also, wenn Sie so über Tiere reden würden, käme der Tierschutzverein. Aber über Raucher können Sie Dinge sagen, die sind unglaublich.

domradio.de: Was halten Sie von Schockbildern auf Zigarettenpackungen, die werden nämlich kommen.

Lütz: Das finde ich auch lächerlich. Da werden erwachsene Leute pädagogisiert. Pädagogik kommt von paidos - das heißt: das Kind. Da werden Erwachsene wie Kinder behandelt. Ich kann nach wie vor nicht verstehen, warum es keine Raucherkneipen geben darf. Wenn es in einer Oase in der Wüste nur ein Restaurant gibt, bin ich der Auffassung: Dieses Restaurant muss ein Nichtraucher-Restaurant sein. Denn wenn der Verdurstende dort ankommt und zufällig Nichtraucher ist, muss er die Möglichkeit haben, in ein Nichtraucher-Restaurant gehen zu können. Aber Köln ist doch keine Oase. Da gibt es ja mehrere Kneipen. Und da könnte man ein Schild draufmachen: Raucher-Kneipe. Es wird immer gesagt: Die armen Mitarbeiter. Es gibt aber genügend Mitarbeiter, die rauchen. Die Menschen, die sich bewerben können ja vorher überlegen, ob sie in einem Raucher-Restaurant arbeiten wollen oder nicht. Das ist alles so pseudo-betulich. Ich finde, da beginnt diese Gesundheitsreligion, die allgemein in unserer Gesellschaft herrscht - dass die Leute nicht mehr an den lieben Gott glauben, sondern an die Gesundheit. 

domradio.de: Wo ist für Sie denn die Grenze zwischen dem persönlichen Genuss, dem man jedem ja gönnt, und der zwanghaften Sucht, die da natürlich auch drinsteckt?

Lütz: Ich finde, dass Rauchen süchtiger macht als Alkohol. Ich erlebe häufig, dass Süchtige sagen, dass der Alkoholentzug zwar auch anstrengend ist, aber noch einigermaßen geht. Aber vom Rauchen kommen Sie viel schwerer los. Rauchen verursacht natürlich nicht solche Störungen wie der Alkoholismus, aber es ist schon etwas, was offensichtlich bei vielen sehr abhängig macht. Meine Mutter hat geraucht und sie hat jeden Aschermittwoch für immer aufgehört. Das funktionierte nie! Und man muss auch wieder kritisch sagen: Das Entspannende, was Raucher häufig anführen, liegt an der Sucht. Wenn man einmal abhängig davon ist, wird man unruhig, wenn man nicht mehr raucht. Und wenn man das Zeug dann nimmt, ist man entspannt. Aber, dass Rauchen entspannt, ist ein Gerücht! 

domradio.de: Wie sehen Sie denn die Sache mit dem Mitrauchen beziehungsweise Passivrauchen. Ist das etwas, was Sie persönlich auch stört?

Lütz: Nein, mich persönlich stört es nicht. Als ich Student war, habe ich in meiner Studentenbude immer Kommilitonen und Freunde eingeladen, die geraucht und gequalmt haben. Trotzdem konnte ich wunderbar schlafen. Aber es gibt Menschen, die das sehr stört. Und das muss man auch respektieren, damit muss man auch rücksichtsvoll umgehen können. Es ist dann auch eine Frage der Höflichkeit, dass ein Raucher andere mit seinem Rauch nicht anpustet. Und die Untersuchungen, die es über das Passivrauchen gibt, muss man natürlich auch ernst nehmen. Andererseits: Die Raucher, die im Winter in der Kälte stehen und frieren, tun mir immer leid. Ich bin ja Christ.

domradio.de: Also Ihr Plädoyer: Gehen wir ein bisschen entspannt um mit diesem Welt-Nichtrauchertag. 

Lütz: Ja, ich würde sagen, man sollte da etwas entspannt mit umgehen und nicht dauernd pädagogisch, pseudo-religiös und missionarisch durch die Gegend ziehen. Missionarisch sollten Christen sein, wenn Sie den Glauben verkünden und nicht das Nichtrauchen. 

Das Interview führte Verena Tröster.

(dr)

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