Gerettete Flüchtlinge an der sudanesisch-libyschen Grenze
Gerettete Flüchtlinge an der sudanesisch-libyschen Grenze

12.11.2015

Kolping International zu EU-Afrika-Gipfel "Wir können die Wanderungsbewegung nicht verhindern"

Europa wird um eine geregelte Einwanderungspolitik nicht herum kommen und könnte von engagierten Afrikanern profitieren. Deutschland sei aber nicht ihr erstes Ziel, sagt Volker Greulich von Kolping International bei domradio.de.

domradio.de: Mehr Geld, dafür weniger Flüchtlinge: Wird dieser Plan aufgehen?

Volker Greulich (Afrika-Experte bei Kolping International): Wahrscheinlich eher nicht. Der Anreiz für junge Afrikaner, nach Europa zu kommen, ist groß. Und wenn man sich die Schwierigkeiten anschaut, die die Menschen jetzt schon überwinden, um nach Europa zu kommen, dann werden sie sich nicht so einfach davon abbringen lassen. Man muss allerdings sagen, dass dieses Abkommen zwei Seiten hat. Es geht ja nicht nur darum, dass weniger Leute kommen sollen. Es geht vor allen Dingen darum, dass Flüchtlinge oder Asylbewerber, die hier abgelehnt werden, in ihre Heimatländer zurückgehen. Im Moment ist aber das Problem, dass viele afrikanische Länder sie gar nicht wieder aufnehmen. Zum Teil haben sie ihre Pässe vernichtet und die Botschaften stellen keine Ersatzpapiere aus.

domradio.de: Ist das, was die EU mit den afrikanischen Staaten auf dem Gipfel vereinbart hat, einfach nur Aktionismus?

Greulich: Ja, natürlich. Die EU hat das Bedürfnis, in dieser Situation Aktion zu zeigen, wo man glaubt, mit den vielen Flüchtlingen nicht mehr fertig zu werden. Wobei man ganz klar sagen muss, dass für uns in Deutschland die Zahl der afrikanischen Flüchtlinge nicht das ganz große Problem ist. Bei den Herkunftsländern der Flüchtlinge ist nur ein afrikanisches Land unter den Top 10 - und das ist Eritrea. Für viele Flüchtlinge, die aus Westafrika kommen, ist Frankreich aus sprachlichen Gründen sehr interessant. Viele aus dem anglophonen Afrika - Nigeria, Ghana - wollen nach England. 

domradio.de: Ist das richtig, was die EU jetzt tut - oder müsste man an einer anderen Stelle ansetzen?

Greulich: Ich glaube, es macht mehr Sinn Kontingente an Visa auszustellen für Menschen, die nach Europa kommen wollen. Ich glaube, dass das langfristig die einzige Möglichkeit ist, um den sehr gefährlichen Weg durch die Wüste und übers Meer einzudämmen.

domradio.de: Es gibt immer auch den Vorwurf, dass die Gelder, die die EU für Entwicklungshilfe ausgibt, in Kanäle versickern, die man nicht nachvollziehen kann. Ist dieser Vorwurf richtig?

Greulich: Das weiß die EU natürlich auch. Ich glaube, es geht der EU einfach darum, Anreize zu schaffen. Man möchte, dass die Regierungen mitspielen, wenn nötig, auch gegen die Interessen der eigenen Bürger. Sicher ist die Vorstellung mancher Regierung, wie man die Gelder verwenden könnte, eine andere als die, die es in Brüssel gibt. Das ist in Brüssel aber bestimmt nicht unbekannt.

domradio.de: Würden Sie sagen, dass eine solche Allianz moralisch verwerflich ist?

Greulich: Man muss sich darüber klar sein: Westafrika - und von diesem Teil Afrikas reden wir vor allem - ist nicht weit weg von Europa. Die Leute leben in Armut und sehen, dass es denen in Europa besser geht. Menschen haben schon immer versucht, ihr Leben dadurch zu verbessern, dass sie in reichere Länder gewandert sind. Wir werden das auch nicht für Afrika verhindern oder eindämmen können. Letztlich wird sich Europa überlegen müssen, wie sich eine solche Wanderungsbewegung kanalisieren lässt. Da wird man über eine vernünftige Einwanderungspolitik nicht herum kommen. Die muss sicherlich Obergrenzen setzen und Qualifikationen voraussetzen. Aber letztlich ist es durchaus auch in unserem Interesse, die fleißigen, engagierten und arbeitswilligen Menschen in einer Art und Weise zu integrieren, wie es im Moment unter dem Thema Flüchtlinge und Asylverfahren nicht passieren kann.

Das Interview führte Dr. Christian Schlegel.

(dr)

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