Kirchen veröffentlichen Papier gegen soziale Missstände

Teurer als die deutsche Einheit

Für die beiden großen Kirchen ist die Flüchtlingskrise eine Herausforderung, die "Gott uns aufgegeben hat", wie sie betonen. Gemeinsam haben sie eine Sozialinitiative erarbeitet, die die Armen der Welt im Blick hat.

Autor/in:
Nina Schmedding
Reinhard Kardinal Marx und Heinrich Bedford-Strohm (l.) (epd)
Reinhard Kardinal Marx und Heinrich Bedford-Strohm (l.) / ( epd )

Kardinal Marx hat einen Traum. Dass die Christen, die aus Syrien geflohen sind und in Deutschland Schutz suchen, wieder in ihr Land zurückkehren können - irgendwann einmal. Schließlich gehört Syrien zu den Ländern, in denen vor 2.000 Jahren die ersten christlichen Gemeinden gegründet wurden. "Der Nahe Osten braucht die Christen", sagt Marx. "Aber sie dürfen dort nicht unter die Räder kommen." Dafür müsse die Weltgemeinschaft sorgen.

Gemeinsame Erklärung der Kirchen zur 2014 veröffentlichten "Ökumenischen Sozialinitiative"

Denn schließlich hat sie ihren Anteil an dem jetzigen Exodus von Millionen Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika. "Wir sind ja Mitverursacher", sagt Marx und verweist auf deutsche Waffenexporte und den Irakkrieg, der die Region destabilisierte. Die Würde aller Menschen im Blick behalten durch ein wirtschaftliches Umdenken, das auch arme Länder miteinbezieht: Dies ist die Grundaussage der "Gemeinsamen Feststellung zur Ökumenischen Sozialinitiative 2014", die die beiden großen Kirchen am Freitag in Berlin vorstellten.

Dabei geht es um ein Gerechtigkeitsverständnis, das sich an den Armen der Gesellschaft orientiert. Um eine christliche Sicht auf die Freiheit, die Solidarität und Eigenverantwortung zusammendenkt. Um die ressourcenschonende Behandlung der Natur, die jeden Raubbau ablehnt. Und schließlich um die Würde des Menschen - jedes Menschen, auch und insbesondere derjenigen, die dieser Tage Schutz in der Bundesrepublik suchen.

"Hier geht es auch um die Veränderung des persönlichen Lebensstils"

Allein durch die Änderung der politischen Strukturen sind diese Ziele nach Auffassung der kirchlichen Spitzenvertreter aber nicht zu erreichen. "Hier geht es auch um die Veränderung des persönlichen Lebensstils", so der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm. "Wir müssen zum Beispiel ökologisch ranklotzen." Das vorgelegte Vier-Punkte-Papier, das in der Nachfolge des Textes "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" vom Februar 2014 steht, fasst die Diskussion zusammen, die die beiden Kirchen über die Internetseite www.sozialinitiative-kirchen.de öffentlich angeregt hatten. Großen Raum nimmt dabei aufgrund der aktuellen Situation die Flüchtlingskrise sein.

Hier könne Deutschland Vorbild auch für andere Länder Europas sein, die Türen für Flüchtlinge zu öffnen - keine Abschottung etwa durch Stacheldrahtzäune rund um die EU. "Ich hätte nie gedacht, dass wir einmal in so eine Situation kommen. Die Idee Europas ist schwach geworden", bedauert Marx. Er warb dafür, sich der Bewältigung der Flüchtlingskrise zu stellen und die Situation anzunehmen. "Es kann aber sein, dass das teurer wird als die deutsche Wiedervereinigung."

Für den Vorsitzenden der Bischofskonferenz gehört auch die Vermittlung des Christentums zu einer gelingenden Integration von Migranten. Damit sei keine Mission gemeint. Den Flüchtlingen, die offen sind, solle man aber das Christentum erklären. "Dass man weiß, warum Weihnachten gefeiert wird oder dass man die Zehn Gebote kennt, gehört zu einer gelungenen Integration in einem Land, das auf christlichen Grundlagen basiert", so Marx.

"Abschiedskultur" für Flüchtlinge ohne Chance auf Asyl gefordert

Der EKD-Ratsvorsitzende plädiert für eine "Abschiedskultur", die sich in Deutschland etablieren müsse. "Auch Menschen, die das Land wieder verlassen, müssen würdig behandelt werden", so Bedford-Strohm. Asylanträge sollten rasch bearbeitet werden, damit Flüchtlinge nicht quälend lange auf eine Entscheidung warten müssten. "Jeder Einzelfall muss allerdings gründlich geprüft werden, bevor Menschen zurückgeschickt werden", betont er. Gerechtigkeit für alle - auch diejenigen, die in Deutschland arm, arbeitslos und ausgegrenzt sind, und nicht erst vor kurzem kamen: "Die sozialpolitische Debatte darf nicht deshalb beiseite gelegt werden, weil uns die Flüchtlingskrise so stark beschäftigt", warnt Marx. Und Bedford-Strohm ergänzt: "Dann besteht die Gefahr, dass "die Schwachen gegen die Schwachen ausgespielt werden."


Quelle:
KNA