Flüchtlinge in Ungarn
Flüchtlinge in Ungarn

04.09.2015

Deutscher Pfarrer über Flüchtlingskrise in Ungarn "Es geht um nackte Hilfe"

Die Lage in Ungarn ist dramatisch: Chaos an Bahnhöfen, verzweifelte Menschen und ein Regierungschef, der jede Verantwortung von sich weist. Über die Lage in Budapest Gregor Stratmann, Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde.  

domradio.de: Wie erleben Sie die Situation am Bahnhof in Budapest? Werden die Flüchtlinge wenigstens mit dem Nötigsten versorgt?

Pfarrer Gregor Stratmann: Es gibt eine ganze Reihe ehrenamtlicher Helfer, die dort die nötigen Dinge wie Wasser, Obst und Windeln bereitstellen, aber das ist alles ehrenamtlich. Der Staat kümmert sich gar nicht um diese Dinge. Die Flüchtlinge sind einfach da in Massen, es gibt keine staatliche Hilfsstruktur, abgesehen von einer Wasserleitung, die gelegt wurde in das Untergeschoss des Bahnhofes.

domradio.de: Die Menschen sind in einer verzweifelten Situation?

Stratmann: Ja, das ist für unsere Gemeinde unglaublich. Da prallen Welten aufeinander, die gar nicht in Beziehung zueinander treten wollen. Das geht nicht von den Flüchtlingen aus, sondern vom Staat. Der Staat will nicht in Beziehung zu diesen Menschen treten. Das ist deprimierend. Es geht um nackte Hilfe, es geht um elementare Hilfe: Wasser, Kommunikation, Brot. Das ist ganz beklemmend.

domradio.de: Ministerpräsident Orbán warnt seit Jahren vor dem angeblichen Untergang des Abendlandes durch Einwanderung und vor der angeblichen Zerstörung des christlichen Europas durch Muslime. Wie schätzen Sie die Lage denn ein? Was denken die Menschen in Ungarn darüber?

Stratmann: Ich glaube, es ist so in nicht unerheblichen Teilen der ungarischen Gesellschaft. Er hat dort Rückhalt. Wobei seine Bemerkungen zu den Muslimen ja wirklich weit her geholt sind. In Ungarn gibt es so gut wie keine Muslime. Das ist eine Art Menetekel, die Faktenlage ist gar nicht so. Die Muslime, die hier herkämen, wären ja eine absolut verschwindende Minderheit, wenn sie überhaupt hier blieben. Und die Bedrohung für das Abendland kann man auch nicht entdecken. Die Ungarn schauen ganz introvertiert auf ihre eigene Gesellschaft. Der ungarische Blick ist keiner nach Europa. Da ist das Abendland durchaus noch zu retten.

"Es geht einfach um Hilfe für Menschen"

domradio.de: Grünen-Politiker Hofreiter hat in einem Interview gesagt, Orbán sei eine Beleidigung für jeden, der gläubig ist. Denn er berufe sich aufs Christentum bei seinen Maßnahmen gegen die Flüchtlinge. Würden Sie die Aussage unterschreiben?

Stratmann: Nein, dann müssten sie ja halb Europa exkommunizieren, das geht ja gar nicht. Das ist eine plakative, populistische, politische Sprache hier, das kennen wir ja auch aus Frankreich oder aus Polen. Das ist alles viel zu hoch angesetzt. Hier geht es ganz pragmatisch um die Hilfeleistungen für bedürftige Menschen, die übrigens in der ungarischen Verfassung ein Recht haben auf Hilfe. Darüber muss man reden und diese konfrontativen Begriffe auf allen Seiten sind völlig daneben. Es geht einfach um Hilfe für Menschen. Herr Orbán ist ja spät getauft als reformierter Christ. Ich glaube, er sieht sein Christentum als eine Art Parteiprogramm, als Ideologieersatz. Ob er wirklich tief in sich die christlichen Überzeugungen teilt, das glaube ich letztlich gar nicht. Dafür ist er viel zu sehr Parteimensch und kommt aus einer sozialistischen Denktradition.

domradio.de: Sie hatten selber zwei Kosovaren privat aufgenommen, die inzwischen weitergereist sind. Ist das gut angekommen in ihrer Gemeinde?

Stratmann: Ich konnte die beiden überzeugen, dass sie zurückgehen. Ich brauchte eine Anwältin. Aber meine Initiative hat schon zu Unverständnis bei den Ungarn geführt. Die würden so etwas nicht machen. Aber die Gemeinde hat es nicht als Problem gesehen.

Das Interview führte Christian Schlegel.

(dr)

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