Pater Tobias mit Flüchtlingen beim Training
Pater Tobias mit Flüchtlingen beim Training
Nasratullah Khairzada aus Afghanistan
Nasratullah Khairzada aus Afghanistan

25.07.2015

Pater Tobias trainiert mit Flüchtlingen Flüchtlingshilfe to go

Nasratullah Khairzada aus Afghanistan ist seit kurzem in Deutschland. Nach dem Motto "Sport verbindet" macht er jetzt in Duisburg beim Lauftraining von Pater Tobias mit - und hilft nicht nur seinen Deutschkenntnissen auf die Sprünge.

Man nennt ihn auch den Allesmacher: gelernter Kaufmann, Pastor, Seelsorger, Erfolgs-Coach, Finanzchef eines Klosters und Ultra-Marathon-Läufer. Pater Tobias' Lebenslauf reicht eigentlich für drei. Für seine Herz-Jesu-Gemeinde im Duisburger Stadtteil Neumühl hat er zahlreiche Projekte für sozial Benachteiligte initiiert und dafür Preise bekommen. Weil er Menschen mitnimmt - im ganz wörtlichen Sinne: mit in die Kirche, mit in die Gesellschaft und ab sofort auch Flüchtlinge mit zum Lauftraining.

Zum Beispiel Nasratullah Khairzada. Er schnauft, bleibt stehen und stützt die Hände in die Seiten. Er ist erst seit vier Wochen in Deutschland - und das Wort "Seitenstiche" gehört sicher nicht zu seinen ersten Vokabeln. Dafür kennt er aber jetzt Wörter wie "Fahrrad", "Baum" und "Brombeeren". Denn Pater Tobias hat sich für den Zehn-Kilometer-Lauf durch Duisburgs Grünanlagen nicht nur Muskel-, sondern auch Sprachtraining zum Ziel gesetzt. Nicht jedem der sieben jungen Flüchtlinge gelingt das zeitgleich: Laufen, Quatschen, Vokabellernen und Atmen.

Kennenlernen geht nur durch Reden

"Reden ist das Wichtigste", sagt Pater Tobias. Wie sonst soll man Menschen kennenlernen? Und in Duisburg gibt es viele Menschen kennenzulernen: Der Stadtteil Neumühl ist seit jeher von Zuwanderern, Gastarbeitern und vielen Nationalitäten geprägt. Nun kommen Flüchtlinge dazu. Stetig mehr. Die Landeserstaufnahmeeinrichtung im ehemaligen Sankt Barbara Hospital stockt derzeit die Kapazitäten von 600 auf 800 Plätze auf. Die Stadt Duisburg bringt zudem rund 80 Flüchtlinge in der Sporthalle einer ehemaligen Grundschule an der Usedomstraße unter. Sie sollte als Reserve für den Notfall dienen. Dieser Notfall ist jetzt.

Auch Khairzada kennt Notfälle. Mit seinen 23 Jahren musste er seine Schwestern, Brüder und Eltern in Afghanistan zurücklassen, wie er berichtet. Er arbeitete für die ISAF, eine Sicherheits- und Wiederaufbaumission der NATO im Afghanistankrieg. Zuletzt sei es um Leben und Tod gegangen, musste er aus seiner Heimat Kabul fliehen: über den Iran und die Türkei, mit Autos, Booten, zu Fuß. 50 Tage waren sie in Wäldern unterwegs, zumindest schätzt er das. Tage ohne Essen, Trinken, Kraft und Hoffnung können lang werden. Aber Aufgeben ist für ihn keine Option. Beim Flüchten wie beim Laufen.

Flüchtlinge kommen zum Gottesdienst und zum Gemeindefest

Nach einer kurzen Pause trabt Khairzada langsam weiter. Der Wille zählt, und die Beine bewegen sich sowieso von alleine. "Ich will studieren, arbeiten und dafür Deutsch lernen", erklärt er auf Englisch. "Die Sprache ist doch das Wichtigste." Und für ihn nicht das Schwierigste. Er spricht schon fünf. Abends, wenn er in einem der Hochbetten in der Turnhalle liegt und nicht schlafen kann, lernt er Deutsch. "Hallo, wie geht es?" und die Zahlen bis zehn hat er drauf. Er hat ein Bilderbuch. "Das ist eigentlich für Kinder", sagt Khairzada, "aber ein bisschen sind wir Flüchtlinge ja wie Kinder."

Und ein bisschen sind es alle Pater Tobias' Kinder. Nicht alle sehen das positiv. "Natürlich haben manche Anwohner Vorurteile, Unsicherheit oder Angst", meint der Geistliche. Sein dringender Rat: Reden, Zuhören, Verstehen. Damit Flüchtlinge reden können, organisiert Pater Tobias seit über acht Jahren Sprachkurse. Damit Gemeindemitglieder und Nachbarn reden, bringt er Flüchtlinge mit in Gottesdienste oder zum Gemeindefest. Ab jetzt gehen sie zweimal wöchentlich laufen. Aber Dialog ist keine Einbahnstraße, er klappt nicht immer.

Manchmal laufen Pegida-Leute auf oder andere rechte Demonstranten. Aber der 52-Jährige ist hartnäckig. Vor acht Jahren hat er mit dem Joggen angefangen, vor drei seinen ersten Ultramarathon gelaufen. Und er weiß: Die hundert Kilometer zu schaffen, ist reine Kopfsache. Man darf halt niemals stehenbleiben.

Julia Rathcke
(KNA)

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