Am 23.7.15 an der neuen Gedenktafel an der Unglücksstelle der Loveparade 2010
Die neue Gedenktafel für die Loveparade-Opfer
Am 23.7.15 an der Unglücksstelle der Loveparade 2010
An der Unglücksstelle der Loveparade 2010

24.07.2015

Kaum Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe Wie ein Damoklesschwert

21 Menschen starben bei einer Massenpanik auf der Duisburger Loveparade 2010, viele weitere leiden bis heute unter den Folgen. Einen Strafprozess gab es immer noch nicht. Am Freitagabend fand am Unglücksort eine Gedenkfeier für die Opfer statt.

Mehr als 44.000 Seiten umfasst die Akte zum Loveparade-Verfahren am Landgericht Duisburg mittlerweile. Dazu kommen 800 Aktenordner mit Anlagen und einige Terabyte Videomaterial. Bei der strafrechtlichen Aufarbeitung ist fünf Jahre nach dem Duisburger Loveparade-Unglück mit 21 Toten noch kein Ende absehbar. Seit mittlerweile anderthalb Jahren prüft das Landgericht Duisburg, ob das Hauptverfahren eröffnet wird. In diesem Jahr, erklärte das Gericht jüngst, werde es dazu wohl nicht mehr kommen.

Für die Hinterbliebenen und Betroffenen ist das bitter, weiß der Duisburger Pfarrer Jürgen Widera, Ombudsmann der Stadt für die Opfer. "Der Strafprozess gehört zum Trauerprozess als wesentliches Element dazu", sagt der evangelische Theologe. Das Verfahren hänge "wie ein Damoklesschwert" über den Betroffenen. Auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) bedauerte die schleppende juristische Aufarbeitung. "Leider können die Betroffenen so noch keinen Abschluss finden", sagte sie dem Nachrichtenmagazin "Stern". "Das macht mich traurig."

Hunderttausende Techno-Fans waren am 24. Juli 2010 nach Duisburg gekommen, um auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs zu feiern. Als der Zugang zum Festivalgelände wegen Überfüllung immer wieder kurzzeitig geschlossen wurde, brach auf einer Zugangsrampe und in dem dorthin führenden Tunnel an der Karl-Lehr-Straße eine Massenpanik aus. 21 Menschen im Alter von 18 bis 39 Jahren starben, mehr als 500 wurden verletzt.

Hätte das Unglück noch am Tag der Katastrophe verhindert werden können?

Die Staatsanwaltschaft Duisburg glaubt, dass das Unglück vermeidbar gewesen wäre. Im Februar 2014 erhob sie Anklage gegen vier Mitarbeiter der Veranstalterfirma Lopavent und sechs Bedienstete der Stadt Duisburg, unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Als Ursache für das Unglück sieht die Staatsanwaltschaft Planungsfehler und die fehlende Überwachung von Auflagen.

Zentrales Beweismittel ist ein Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still. Offenbar waren dessen Ausführungen dem Gericht bislang aber zu dünn: Die Richter stellten dem Experten etwa 75 Ergänzungsfragen, seine Antworten liegen erst seit kurzem vor. Nun haben alle Verfahrensbeteiligten noch bis September Zeit, dazu Stellung zu nehmen. Erst danach entscheidet das Gericht, ob das Hauptverfahren eröffnet wird.

Das Unglück hätte nach Stills neuer Einschätzung möglicherweise noch am Unglückstag selbst verhindert werden können. Zu diesem Schluss komme der Panikforscher in seiner neuen Expertise für das Landgericht Duisburg, berichtet das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in seiner aktuellen Ausgabe.

In seinem neuen Gutachten schreibt Still dem Bericht zufolge, dass eine frühere Schließung der Zugangswege möglicherweise verhindert hätte, dass die "Menschenverdichtung" an der Zugangsrampe "über die sicheren Grenzwerte ansteigt". Bislang war die Duisburger Staatsanwaltschaft davon ausgegangen, dass das Unglück aufgrund von schweren Planungsfehlern am Veranstaltungstag selbst praktisch nicht mehr abzuwenden war.  

Demnach hätten die Eingangsschleusen ab 15.50 Uhr konsequent abgeriegelt und die Besucher über andere Wege umgeleitet werden müssen, berichtete der "Spiegel". Tatsächlich seien die Zugangswege aber erst gegen 16.50 Uhr durch ein Polizeiaufgebot wirksam geschlossen worden, als am Fuß der Zugangsrampe bereits das gefährliche Gedränge entstanden sei. Die Staatsanwaltschaft lehnte dem Bericht zufolge einen Kommentar unter Verweis auf das schwebende Verfahren ab.

Unglücksort ist zentraler Ort der Trauer

Für viele Betroffene und Hinterbliebene ist die Loveparade-Gedenkstätte, die im Jahr 2013 am Unglücksort eröffnet wurde, ein wichtiger Ort der Trauer. Dort erinnerte die Stadt Duisburg am Freitagabend zum fünften Jahrestag mit einer Gedenkfeier an die Opfer. Bereits am Donnerstagabend hatte der Betroffenen-Verein "LoPa 2010" zur traditionellen "Nacht der tausend Lichter" am Unglücksort eingeladen. Am Vorabend des fünften Jahrestages des Unglücks zündeten Angehörige, Überlebende und Bürger Kerzen für die Toten an.

Für die langfristige Versorgung von Menschen, die bei dem Unglück verletzt oder traumatisiert wurden, haben Angehörige und Betroffene am Donnerstag eine Stiftung gegründet. Die "Stiftung 24.7.2010" soll zudem die künftigen Gedenktage in Duisburg organisieren und für die Pflege der Loveparade-Gedenkstätte sorgen. Es gebe viele Betroffene, Angehörige und damals Verletzte, "die noch lange Hilfe nötig haben werden, weil sie auch nach fünf Jahren nicht wieder zurück ins normale Leben gefunden" haben, sagte der Ombudsmann der Stadt Duisburg für die Betroffenen, Jürgen Widera.

Mangel an Nachsorge

Dagegen beginnen im Herbst die ersten Loveparade-Zivilverfahren. Das Landgericht Duisburg befasst sich am 1. September mit der Klage eines Feuerwehrmanns, der bei dem Festival im Einsatz war, und am 12. November mit vier Klagen von Besucherinnen. Sie führen Posttraumatische Belastungsstörungen an und fordern jeweils Schadensersatz und Schmerzensgeld zwischen 34.000 und 100.000 Euro von Lopavent, der Stadt Duisburg und dem Land NRW als Dienstherrin der Polizei. Insgesamt laufen 19 Zivilverfahren.

Zahlreiche damalige Festivalbesucher leiden auch fünf Jahre nach dem Unglück noch unter psychischen Problemen, sagt Ombudsmann Widera. Manche seien deswegen seit Jahren arbeitsunfähig. Viele wenden sich an den Pfarrer, weil sie unter unklaren Zuständigkeiten leiden und von Amt zu Amt geschickt werden. Widera versucht dann, sie an passende Hilfs- und Beratungseinrichtungen zu vermitteln.

Auch Jörn Teich, Co-Vorsitzender des Betroffenen-Vereins LoPa 2010, kritisiert: "Der Mangel an Nachsorge ist selbst eine Katastrophe." Kurz nach dem Unglück hätten viele Psychotherapeuten kurzfristig Platz für Opfer gemacht. Jetzt müssten sie bis zu zwei Jahre auf einen Therapieplatz warten. Teich sieht eine Versorgungslücke in Deutschland: "Opfer von Straftaten bekommen Unterstützung vom Weißen Ring. Für Opfer von Katastrophen ist niemand wirklich zuständig."

Derweil schätzen nicht alle das öffentliche Gedenken an der Unglücksstelle in Duisburg: Mehrere Male wurde die Gedenkstätte, die am Dienstag durch das Anbringen einer weiteren Stahlplatte mit der Aufschrift "Liebe hört niemals auf" endgültig fertiggestellt wurde, bereits verwüstet. Regelmäßig würden etwa Grablichter oder Kränze geklaut, sagt Teich. Die Verarbeitung des Unglücks werde noch lange dauern, glaubt er. "Das ist eine Riesen-Narbe in dieser Stadt."

(epd)

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