Flüchtling im Wohnheim
Amadou (Name geändert) ist aus Guinea geflohen
Flüchtling im Wohnheim
Amadou im Wohnheim

07.06.2015

Jugendheim in Solingen für junge Flüchtlinge Ein neues Zuhause auf Zeit

Tausende minderjährige Flüchtlinge machen sich allein auf den Weg nach Europa oder werden auf der Flucht von ihren Eltern getrennt. Einer von ihnen ist der 17-Jährige Amadou. Im Jugendheim Halfeshof in Solingen hat er Zuflucht gefunden.

"Wenn zu dir jemand sagt, du bist das letzte, dann lach und sage: Der letzte wird der erste sein!" In säuberlichen Druckbuchstaben handgeschrieben, hängt ein Zettel mit diesem Spruch an der Zimmerwand von Amadou (Name geändert). Als der 17-Jährige vor einem halben Jahr aus dem westafrikanischen Guinea nach Solingen kam, sprach er kein Wort Deutsch. Heute besucht er die Integrationsklasse der benachbarten Hauptschule und will seinen Realschulabschluss machen.

Einmal kurz zur Ruhe kommen

 Der Guineer ist einer von zwölf Jugendlichen, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge am Wuppertaler Hauptbahnhof strandeten und über Polizei und Jugendamt in der Clearing-Gruppe des Jugendheims Halfeshof in Solingen landeten. Ein Zuhause auf Zeit, das die oft traumatisierten 15- bis 17-Jährigen erst einmal zur Ruhe kommen lässt. Die insgesamt zehn Wohngruppen des Jugendheims sind auf mehrere Gebäude verteilt, die idyllisch in einer großzügigen Parkanlage mit altem Baumbestand liegen.

174 Jungen zwischen acht und 18 Jahren leben in der Einrichtung des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) - überwiegend kommen sie aus schwierigen Familien. Schulabbrüche, Drogen- und Gewalterfahrungen prägten ihre frühen Lebensjahre. Und nun also noch die Flüchtlinge, deren Kindheit auf andere Weise zerstört wurde. Die ersten, erinnert sich Einrichtungsleiter Ben Repp, habe man im September 2014 auf bereits bestehende Wohngruppen verteilt. "Das hat aber alle überfordert, schon wegen der Sprache."

Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa

Nun leben die Flüchtlinge zusammen in einem separaten kleinen Haus auf dem Gelände: unten sieben Jüngere in einer Wohngemeinschaft mit 24-Stunden-Betreuung, oben fünf Jugendliche kurz vor der Volljährigkeit, die lernen sollen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Zu ihnen gehört auch Amadou. Auf dem Schreibtisch in seinem Zehn-Quadratmeter-Zimmer stapeln sich Bücher, darunter ein deutsch-französisches Wörterbuch. Seine Augen blicken ernst durch die Brillengläser: "Wenn man eine gute Zukunft haben möchte, ist die Schule wichtig", sagt der 17-Jährige mit Nachdruck. Wie viele Altersgenossen aus seinem Heimatland, in dem die Lebenserwartung 42 Jahre beträgt, wurde er von seinen Eltern auf die lange und beschwerliche Reise geschickt - nach Europa, in ein besseres Leben.

Schulden für den Schlepper

Dass sich viele Familien in Kriegs- und Krisengebieten verschulden, um die Schlepper für den ältesten Sohn zu bezahlen, weiß der LVR-Jugenddezernent Lorenz Bahr. Dass die Jungen in Transit-Städten wie Köln, Dortmund, Aachen oder eben Wuppertal aus dem Zug geworfen und sich selbst überlassen werden, hat man den Eltern nicht gesagt.

"Die Jugendlichen, die hier in der Clearing-Gruppe ankommen, sind stark", betont Bahr. Sie hätten eine teils lebensgefährliche Flucht überlebt und den unbedingten Willen, in Deutschland Fuß zu fassen - auch, um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Im Gegensatz zu manchen deutschen Altersgenossen würden die jungen Flüchtlinge schon beim Frühstück darauf drängen, dass die Schule wartet, berichtet Bahr.

Integration, um zu bleiben

Nachmittags stehen neben Hausaufgaben auch gemeinsames Kochen, Spiele und Sportangebote auf dem Programm. Amadou hat sogar einen Fußballverein im Stadtteil gefunden: "Ich spiele bei Post SV", sagt er stolz - und ergänzt grinsend: "Linksaußen, wie Philipp Lahm!" Manchmal trifft er sich mit seinen Mannschaftskameraden auch zum Grillen. Besucht hat ihn allerdings noch keiner. In der Wohngruppe sind die Jugendlichen aus Guinea, Gambia, Somalia, Afghanistan, Algerien und Marokko zumeist unter sich. Zwei bis drei Mitarbeiter, die teils mit vier Sprachen gleichzeitig jonglieren, kümmern sich tagsüber um sie, nachts gibt es eine Ruf-Bereitschaft.

Die übernimmt in regelmäßigen Abständen Bereichsleiter Henning Leuschner, der die Flüchtlingsgruppe mit aufgebaut hat und am Halfeshof auch für die Berufsausbildung zuständig ist. "Was die Jungs hier lernen, sind Kompetenzen, die ihnen keiner mehr nehmen kann", betont Leuschner. Auch wenn ihr Asylantrag, den sie mit 18 Jahren stellen, abgelehnt wird - wie es bereits in manchem Fall geschehen ist. Ob die Jugendlichen bleiben dürfen, hängt auch davon ab, wie gut sie sich in Deutschland integriert haben. Amadou könnte gute Chancen haben.

Stefanie Mergehenn
(epd)

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