Überlebende des KZ Auschwitz zum 70. Gedenktag
Überlebende des KZ Auschwitz zum 70. Gedenktag
Wachturm von Auschwitz
Wachturm von Auschwitz
Bundespräsident Gauck
Bundespräsident Gauck

27.01.2015

Bundestag gedenkt Holocaust-Opfer Gauck: "Keine deutsche Identität ohne Auschwitz"

Vor 70 Jahren befreite die Sowjetarmee das NS-Vernichtungslager Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen wurden dort ermordet. Daran erinnerte am Dienstag der Bundestag und Polens Staatspräsident Bronislaw Komorowski.

Bundespräsident Joachim Gauck sieht Deutschland 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in der moralischen Pflicht zum Schutz von Flüchtlingen und Menschenrechten. "Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz", sagte Gauck am Dienstag in einer Sondersitzung des Bundestages zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Aus dem Erinnern an das Menschheitsverbrechen des millionenfachen Mordes an Juden ergebe sich ein Auftrag. "Er sagt uns: Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit. Schützt und bewahrt die Rechte eines jeden Menschen."

An der Veranstaltung zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren und zum Holocaust-Gedenktag nahmen unter anderen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesratspräsident Volker Bouffier (beide CDU), die Spitzen der Verfassungsorgane sowie Überlebende teil. Bei der Gedenkstunde waren auch Auschwitz-Überlebende anwesend. In dem NS-Vernichtungslager waren mehr als 1,1 Millionen Menschen ermordet worden. Eine Million von ihnen waren Juden. Die Sowjetarmee hatte am 27. Januar 1945 die letzten 7500 Gefangenen befreit.

Gauck: Kein Schlusstrich unter Holocaust

Gauck warnte davor, unter den Holocoust einen Schlussstrich zu ziehen: "Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben." In Deutschland, wo man täglich an Häusern vorbeigehe, aus denen Juden deportiert worden seien, "ist der Schrecken der Vergangenheit näher und die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft größer und verpflichtender als anderswo".

Gaucks Mahnungen beziehen sich auch auf eine aktuelle Umfrage der Bertelsmann Stiftung, nach der sich eine große Mehrheit der Deutschen nicht mehr mit dem Holocaust beschäftigen will. 81 Prozent möchten demnach die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich lassen". 58 Prozent wollen einen Schlussstrich ziehen.

Alle Menschen in der Verantwortung

Gauck unterstrich, in Deutschland trügen alle Verantwortung dafür, welchen Weg das Land gehen werde. "Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war", sagte Gauck. Selbst eine überzeugende Deutung des schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, "mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen". Aus dem Erinnern ergebe sich ein Auftrag: "Schützt und bewahrt die Menschlichkeit."

Zugleich appellierte das Staatsoberhaupt, sich jeder Art von Ausgrenzung und Gewalt entgegenzustellen und "jenen, die vor Verfolgung, Krieg und Terror zu uns flüchten, eine sichere Heimstatt bieten". Gauck sollte am Nachmittag Deutschland bei einer Gedenkfeier in Auschwitz vertreten. Am Ort des Verbrechens wollten rund 300 Überlebende sowie Staats- und Regierungschefs aus rund 40 Ländern der Opfer des Holocaust gedenken.

Lammert: Deutsche müssen sich Geschichte stellen

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) erklärte im Bundestag, die Nachgeborenen seien für die Vergangenheit nicht verantwortlich, wohl aber für den Umgang mit dieser Vergangenheit. Es gelte, staatlich angeordnete und organisierte Verbrechen "nirgendwo" und "an keinem Platz der Welt" wieder geschehen zu lassen. Die Deutschen müssten sich im Bewusstsein ihrer historischen Verantwortung den drängenden humanitären Herausforderungen der Gegenwart stellen.

Auschwitz stehe als Synonym für den §historisch beispiellosen industrialisierten Völkermord" und dafür, was Menschen Menschen antun könnten, sagte Lammert. Dem europaweiten Vernichtungskrieg der Nazis, den Ghettos und Lagern sei die Ausgrenzung eines Teils der Bevölkerung vorangegangen, "für alle sichtbar, die sehen wollten", erinnerte er. Lammert schloss in das Gedenken an die Opfer auch diejenigen ein, die den Nazis Widerstand geleistet hatten, sowie die Menschen, die "vom Trauma des Überlebens gezeichnet" seien. Er forderte die Jüngeren auf, den noch Überlebenden zuzuhören und dadurch zu "Zeugen der Zeugen" zu werden und die Erinnerung weiterzutragen.

Quartett von Kriegsgefangenem

Musikalisch umrahmte das Gedenken der Klarinettist Ib Hausmann. Er spielte aus dem Stück "Quatour pour la fin du temps" ("Quartett für das Ende der Zeit") des französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908-1992), der 1940 als Kriegsgefangener in einem Lager bei Görlitz interniert wurde. Dort schloss er das Quartett ab, das im Januar 1941 in der Theaterbaracke des Lagers uraufgeführt wurde.

Der Holocaust-Gedenktag ist seit 1996 gesetzlich verankert. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee Auschwitz. Dort hatten die Nationalsozialisten rund 1,1 Millionen Menschen ermordet. Insgesamt kamen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis rund sechs Millionen Juden ums Leben. Ziel war die Vernichtung des europäischen Judentums. Zu den Verfolgten zählten auch Sinti und Roma, Homosexuelle sowie Oppositionelle.

Gedenken in Polen

Polens Staatspräsident Bronislaw Komorowski hat im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz der hier Ermordeten gedacht. Auschwitz sei ein "Symbol für die Grausamkeit und den Verlust der menschlichen Würde", sagte Komorowski am Dienstag bei einer Gedenkstunde am Ort des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten müssten bewahrt und weitergegeben werden.In einer bewegenden Zeremonie legte er an der "Todeswand" neben dem Häftlingsblock des Lagers einen Kranz in den polnischen Nationalfarben nieder. Mehr als 100 Überlebende des größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers brachten rote Rosen an jene Stelle, an der die Nationalsozialisten im Stammlager Auschwitz Tausende Häftlinge erschossen.

"Ewiger Friedhof"

Viele kamen mit gestreiften Schultertüchern in den Farben ihrer ehemaligen Häftlingskleidung. Einige trugen an den Jacken die ihnen damals von den Nazis zugewiesenen Häftlingsnummern. "Ihre Anwesenheit zu Ehren der Toten ist sehr wichtig und bewegt mich tief", sagte der Staatspräsident. An der Feierstunde in einem Zelt am ehemaligen Eingangstor von Auschwitz-Birkenau nahmen rund 300 Überlebende des Konzentrations- und Vernichtungslagers teil.

Der polnische Präsident erinnerte an die Verbrechen der Nationalsozialisten auf polnischen Boden. Polen sei ein Land des Terrors geworden, sagte er und verwies auf die mehr als eine Million in Auschwitz ermordeten Menschen. Die Nazis hätten aus Polen einen "ewigen Friedhof gemacht". Komorowski fügte hinzu, das Gedächtnis an Auschwitz sei ein Gedächtnis daran, was in der menschlichen Natur möglich ist. Der ehemalige Auschwitz-Häftling Jacek Zieliniewicz betonte, er werde am Jahrestag-Gedenken teilnehmen, solange er könne. "Wir werden immer weniger, das ist sehr traurig. Aber wir kommen für unsere ermordeten Kameraden", so der 88-Jährige.

Papst fordert Respekt und Frieden

Papst Franziskus hat über seinen Twitter-Account an den Holocaust-Gedenktag erinnert. "Auschwitz schreit den Schmerz unermesslichen Leids hinaus und ruft nach einer Zukunft in Respekt, Frieden und der Begegnung der Völker", schrieb er am Dienstag:

Auschwitz schreit den Schmerz unermesslichen Leids hinaus und ruft nach einer Zukunft in Respekt, Frieden und der Begegnung der Völker.

— Papst Franziskus (@Pontifex_de) 27. Januar 2015

(epd, dpa, KNA)

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