Wolfgang Gerstner
Wolfgang Gerstner

Wolfgang Gerstner ist Geschäftsführer des katholischen Maximilian-Kolbe-Werks. Seit mehr als 40 Jahren engagiert sich die Hilfsorganisation für ehemalige Häftlinge der Konzentrationslager und Ghettos in Mittel- und Osteuropa. Außerdem organisiert das Werk Begegnungen zwischen jungen Journalisten und Zeitzeugen.

Ex-Vernichtungslager Auschwitz
Ex-Vernichtungslager Auschwitz

26.01.2015

Maximilian-Kolbe-Werk zur Auschwitz-Befreiung vor 70 Jahren Schlussstrich unmöglich

Die Mehrzahl der Deutschen will laut einer Studie 70 Jahre nach Auschwitz den Holocaust "hinter sich lassen". Davon hält Wolfgang Gerstner vom katholischen Maximilian-Kolbe-Werk gar nichts: "Es kann keinen Schlussstrich geben."

domradio.de: Was bekommen Sie mit - wie reagieren die jungen Menschen auf die persönlichen Schilderungen des Leidens von damals?

Wolfgang Gerstner (Geschäftsführer des Maximilian-Kolbe-Werks): Wenn man hier in Auschwitz ist, dann bleibt die einzig mögliche Reaktion zuerst eigentlich immer nur Schweigen. Es ist unfassbar, was hier geschehen ist. Sie können auch mehrmals hierher kommen -  sie werden nie verstehen, was Deutsche hier Menschen angetan haben. Die jungen Leute sind sehr beeindruckt, sie sind sehr betroffen, sie schweigen zuerst, aber dann reden sie auch miteinander, denn es geht ja gerade um die Frage, was können und was müssen wir aus der Geschichte lernen.

domradio.de: Wie wird der 70. Jahrestag ablaufen - in welcher Form nehmen Sie an der Gedenkfeier teil?

Gerstner: Wir nehmen mit allen Teilnehmern an den Feiern teil, das heißt die jungen Journalisten, aber auch die Zeitzeugen, die hier ja bei uns sind und die Tage mit den jungen Leuten zusammen verbringen. Die Feiern zum Gedenken werden in einem großen Zelt in Birkenau sein.

domradio.de: Wenn Sie da mit Zeitzeugen und jungen Journalisten diskutieren - ist da auch die aktuelle Pegida-Bewegung in Deutschland Thema?

Gerstner: Ja, das ist ein Thema. Wenn man die Frage stellt, was lernen wir aus der Geschichte, dann muss es ja auch immer darum gehen, das Heute zu verstehen und sich selbst zu positionieren. Natürlich bringen die jungen Leute all die Fragen mit, die sich in Deutschland und den anderen Ländern aktuell stellen. Sie müssen selbst entscheiden, wo sie sich positionieren. Wehret den Anfängen, sagt man. Man muss aufmerksam sein, damit man auch entsprechend handeln und Positionen vertreten kann.

domradio.de: Eine große Mehrheit der Deutschen möchte laut einer aktuellen Bertelsmann-Umfrage den Holocaust "hinter sich lassen und sich gegenwärtigen Problemen widmen" - 81 Prozent der Befragten haben das gesagt, 58 Prozent wollen gar "definitiv einen Schlussstrich" unter die Vergangenheit ziehen. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie so was hören?

Gerstner: Wenn Sie jetzt sehen würden, wo ich stehe: Ich stehe nämlich im Stammlager Auschwitz, direkt neben dem Block 11. Das war der Strafblock. Ich komme gerade aus dem Keller, in dem Maximilian Kolbe eingesperrt war und dort nach zwei Wochen im Hungerbunker umgebracht wurde. Wer hier in Auschwitz steht, der weiß, dass man keinen Schlussstrich ziehen kann.

Wir müssen uns mit der Geschichte befassen, denn nur wenn wir sie kennen, können wir heute handeln. Wir haben genug Gewalt und Kriege, auch in der heutigen Zeit. Wenn wir uns für Frieden einsetzen wollen, dann hilft es, die Geschichte zu kennen. Nur dann können wir uns engagieren. Wer hier einmal in Auschwitz war, der weiß, es kann keinen Schlussstrich geben.

domradio.de: Ist das auch die Botschaft, die in ihren Augen von dem Gedenken ausgehen soll?

Gerstner: Ja, ich glaube, dass auch noch einmal eine ganz starke Botschaft sein wird: Die Erinnerung wird mit den letzten Zeitzeugen nicht aussterben. Das darf sie auch nicht. Es sind gerade die alten Menschen, die den jungen jetzt sagen: "Wir leben nur noch einen Monat, ein Jahr. Niemand weiß das. Unser Leben geht zu Ende. Ihr habt das Leben vor Euch. Ihr seid diejenigen, die unsere Botschaft weitertragen müssen. Das ist unser Vermächtnis und deshalb sind wir eine Woche in Auschwitz.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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