Kundgebung gegen ein Flüchtlingsheim in Berlin
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20.11.2014

Konfliktforscher warnt vor Radikalisierung gegen Asylbewerber Latent feindselig

Immer weniger Menschen sind ausländerfeindlich, nationalistisch, antisemitisch und zugleich Diktaturbefürworter. Der alte Typ Rechtsextremist ist laut der neuen Mitte-Studie ein Auslaufmodell. Entwarnung können die Forscher aber trotzdem nicht geben.

Manifeste rechtsextreme Einstellungen nehmen einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge in der deutschen Gesellschaft ab. 2,4 Prozent der Deutschen hätten ein "geschlossen rechtsextremes Weltbild", sagte Hauptautor Andreas Zick am Donnerstag bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Dazu zählen Menschen, die zugleich ausländerfeindlich sind, den Nationalsozialismus verherrlichen, Diktatur und übersteigerten Nationalismus befürworten.

Zwischen 2002 und 2012 lag der Anteil der Menschen, die diese Ideologie teilen, in Vergleichsstudien noch bei acht bis zehn Prozent. Grund für Beruhigung gibt es laut Konfliktforscher Zick dennoch nicht.

Denn der Studie zufolge bleibt die sogenannte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die Minderheiten oder Randgruppen herabwürdigt, weit in der Gesellschaft verbreitet. Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung gibt sogenannten Mitte-Studien seit 2006 im Zwei-Jahres-Rhythmus in Auftrag. Für die aktuelle Auflage wurden von Juni bis August rund 2.000 repräsentativ ausgewählte Menschen am Telefon befragt.

Populistische Stimmen locken

Das Ergebnis trägt in diesem Jahr den Titel "Fragile Mitte - Feindselige Zustände". Eine Gefahr für einen stabilen Zusammenhalt in der Gesellschaft sieht Zick bei der Tendenz, populistischen Meinungen anheimzufallen. Zwar gebe es das geschlossene rechtsextreme Weltbild seltener, sagt er. Die Abwertung einzelner Gruppen sei aber weiter vorhanden: Die Mitte differenziere mittlerweile zwischen Asylbewerbern, Juden, Muslimen oder Homosexuellen, erklärte der Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, das erstmals mit der sogenannten Mitte-Studie beauftragt worden war.

44 Prozent der Deutschen treten laut Studie Asylbewerbern mit abwertender Haltung entgegen. Vorurteile sind dabei wie auch in allen anderen Bereichen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in den ostdeutschen Bundesländern stärker verbreitet: Dort begegnen sogar mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Einwohner Asylbewerbern mit negativen Vorurteilen.

Die Forscher fragten unter anderem nach der Zustimmung zum Satz "Wer irgendwo neu ist, sollte sich erst mal mit weniger zufrieden geben". 61 Prozent der Befragten stimmten dem zu. Jeweils rund 40 Prozent waren der Meinung, die meisten Asylbewerber in Deutschland seien in ihren Heimatländern gar nicht verfolgt und dass Menschen, die schon immer hier leben, mehr Rechte haben sollten als später Zugezogene.

Vorurteile gegen Asylbewerber und Langzeitarbeitslose

Asylbewerber sind der Studie zufolge damit die am zweitstärksten von abwertenden Haltungen betroffenen Gruppe hinter Langzeitarbeitslosen (48 Prozent). Vorurteilen gegen Sinti und Roma stimmen der Studie zufolge 27 Prozent, gegenüber Muslimen 18 Prozent zu. Stabil bleiben der Studie zufolge auch antisemitische Einstellungen (8,5 Prozent) und die Abwertung behinderter Menschen (4,1 Prozent).

Sorge bereitet den Forschern zudem die weit verbreitete Einstellung, die Wettbewerb höher bewertet als Solidarität und Gleichwertigkeit aller Menschen. Diesem sogenannten marktförmigen Extremismus stimmt ein Fünftel der Deutschen zu, unter Anhängern der AfD sind es sogar 40 Prozent. Wer zu dieser Art Extremismus neigt, vertritt laut Studie auch häufiger rassistische und homophobe Ideen.

Auf dem zweiten Platz hinter der NPD-Anhängerschaft findet sich demnach auch unter AfD-Wählern eine überdurchschnittlich hohe Zustimmung zu Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus.

Zick warnte vor dem Hintergrund der derzeitigen Stimmungsmache gegen eine steigende Zahl von Flüchtlingen vor einer Polarisierung der Gesellschaft. Es sei eine "brisante Lage", in der Gruppen in der Lage seien, mehr Menschen gegen Asylsuchende zu radikalisieren. Die Frage sei, ob man Asylbewerber am Ende als Kosten verursachendes Problem begreife oder als Herausforderung, die man gemeinsam meistern wolle.

(epd)

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