20 Jahre Tafel-Bewegung in Deutschland
Andrang bei Tafeln immer größer

12.11.2014

Andrang bei einigen Tafeln steigt wegen Flüchtlingen Die Mangel-Verwalter

Bei den Tafeln in Deutschland reihen sich mehr und mehr Flüchtlinge in die Schlangen der Bedürftigen ein. In Berlin hat eine Lebensmittel-Ausgabestelle deswegen einen Aufnahmestopp verhängt. Den Verantwortlichen plagen nun Gewissensbisse.

Cornelia Burghoff ist um ihren Job wohl kaum zu beneiden. Sie verwaltet den Mangel. Seit immer mehr Flüchtlinge in Deutschland Schutz suchen, fehlt es bei ihr immer häufiger an einem: an Lebensmitteln. Cornelia Burghoff arbeitet ehrenamtlich in einer der vielen Lebensmittel-Ausgabestellen der Berliner Tafel. Vor ihr stehen Kisten mit Wurst und Joghurt. Sie reicht die begehrten und nicht üppig vorhandenen Waren in kleinen Mengen an Bedürftige. Die Nachfrage ist so groß, dass ein Aufnahmestopp für neue "Kunden" verhängt wurde.

Keine Flüchtlinge als feste Kunden

Ingrid Winterhager plagen deswegen Gewissensbisse. Sie ist eine der drei Verantwortlichen der Initiative "Laib und Seele" von der evangelischen Segensgemeinde in Berlin-Reinickendorf, die seit acht Jahren Lebensmittel an Bedürftige verteilt. "Wir haben uns sehr schwer mit der Entscheidung getan, keine neuen Flüchtlinge als feste Kunden aufzunehmen", sagt Winterhager.

"Wir sind am Ende unserer Kapazitäten." Das sei ihr bewusst geworden, als vor gut einem Jahr in der Nähe der Ausgabestelle ein leerstehendes Altenheim als Unterkunft für Flüchtlinge in Betrieb ging. Auf einen Schlag reihten sich rund 50 Asylbewerber in die Schlange der Wartenden ein.

Sozialneid unter Bedürftigen

"Wer ist mehr bedürftig? Menschen, die Hartz IV bekommen, oder Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind?", fragt sich Winterhager und warnt vor "Sozialneid" unter den Bedürftigen. In der Umgebung der Ausgabestelle gibt es mittlerweile drei Unterkünfte für Flüchtlinge. "Da kommen schnell mal 1.000 Personen zusammen", schätzt Winterhager und blickt zur Tür, durch die soeben eine Familie aus Syriens Hauptstadt Damaskus schreitet.

Seit einigen Wochen sei sie in Deutschland, erzählen die Mitarbeiter. Der Mann, seine Frau und die Tochter können kein Wort Deutsch. Sie wirken verunsichert.

Erschöpfte Kapazitäten

Knapp fünf Stunden Autofahrt von Berlin entfernt ähneln sich die Probleme. "Unsere Kapazitäten sind ebenfalls erschöpft", klagt die Chefin der Kölner Tafel, Karin Fürhaupter. Um Flüchtlinge neben den bereits bei den Tafeln registrierten Bedürftigen zu versorgen, "bräuchten wir ein weiteres Fahrzeug und mehr Ehrenamtliche".

Ein neuer Lieferwagen koste 35.000 Euro. Außerdem kalkulierten die Supermärkte, von denen die Tafeln einen Großteil ihrer Lebensmittel beziehen, immer stärker. So werden nach Fürhaupters Worten Molkerei-Produkte vor Ablauf des Verfallsdatums billiger angeboten, um damit noch Geld zu verdienen.

Ausgabestelle bei Asylbewerberheim

In Baden-Württemberg gehen die Tafeln angesichts der steigenden Zahl der Flüchtlinge schon neue Wege. In Sinsheim sollte eine Ausgabestelle in unmittelbarer Nähe zu einem Asylbewerberheim öffnen, erzählt der Chef des Landesverbands, Rolf Göttner: "Für Flüchtlinge spielt die Entfernung eine wichtige Rolle, weil Fahrten mit Kosten verbunden sind." In Mannheim fährt deshalb neuerdings ein "Tafel-Mobil" mit Lebensmitteln zu den Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflüchtet sind.

Zurück in Berlin. Vor den Kisten mit Obst und Gemüse herrscht dichter Andrang. Salatköpfe und Tomaten wandern in Einkaufstüten. 1,50 Euro bezahlt ein Erwachsener für einen Einkauf. Einmal in der Woche öffnen die Ehrenamtler die Ausgabestelle. Dazu werden in der evangelischen Kirche rund um die Sitzbänke Stände aufgebaut. "So können die Menschen sich auch mal hinsetzen", begründet Winterhager die Ortswahl. Die Kirche sei ohnehin ein Ort der Nächstenliebe. 240 Haushalte sind bei der Ausgabestelle in Reinickendorf gemeldet.

Neues Konzept nötig 

Angesichts der vielen Flüchtlinge "überdenken wir gerade unser Konzept", erzählt Petra Karing, ebenfalls verantwortlich für die Ausgabe von Lebensmitteln, während ihrer Pause. Eine Neuerung werde derzeit getestet: Ein Sozialarbeiter verteile jede Woche Gutscheine in einem nahe gelegenen Flüchtlingsheim, sagt sie. So hätten immerhin zehn Familien die Möglichkeit zu einem günstigen Einkauf.

Christian Thiele
(epd)

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