Ein paar Armreifen sind geblieben
Ein paar Armreifen sind geblieben

25.05.2013

Indiens vermisste Kinder Haussklaven, Sexarbeiter, Bettler

Die Eltern haben noch einen Schulranzen, kleine Armreifen und vielleicht ein Foto - aber ihre Kinder sind weg. In Indien machen professionelle Banden Jagd auf Jungen und Mädchen. Die Polizei spricht von Ausreißern.

Wenn im Fernsehen wieder über sexuell misshandelte Kinder berichtet wird, kann die Inderin Shabra Khatun die ganze Nacht nicht schlafen. Sie fragt sich dann, was mit ihrer elf Jahre alten Tochter Guriya passiert ist, die vor Jahren vor die Türe der Slum-Hütte in der indischen Hauptstadt Neu Delhi trat, zur öffentlichen Toilette gehen wollte - und nie zurückkam. "Sie wäre jetzt 16", sagt Khatun. Es sind Schicksale wie das Guriya, an die der Internationale Tag der vermissten Kinder an diesem Samstag erinnert.

Guriya ist eines von Indiens unzähligen verschwundenen Kindern. Allein im Jahr 2011 wurden laut offiziellen Statistiken fast 100 000 Jungen und Mädchen als vermisst gemeldet - mehr als 34 000 von ihnen sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Kinderrechtaktivisten meinen, die Zahl liege noch um Einiges höher.

"Diese Kinder sind entführt worden oder weggelaufen, sie wurden von ihren Eltern verlassen oder gingen verloren - am Ende landen die meisten bei Kinderhändlern", sagt Rakesh Senger von der Organisation Bachpan Bachao Andolan (Kampagne zur Rettung der Kinder). Diese Gruppen seien überall präsent und warteten nur darauf, alleingelassene Kinder zu entdecken und mit Süßigkeiten davonzulocken.

Die Jungen und Mädchen würden dann verkauft und müssten als Haussklaven arbeiten, in Straßenimbissen, auf Farmen oder in Fabriken, wo sie sticken oder Schmuck herstellen, sagt Senger. "Andere werden in die Prostitution gezwungen, den illegalen Organhandel oder in Bettlerbanden - weit weg von ihrem Zuhause, wo es schwierig ist, sie aufzuspüren."

Auf dem Land verschwinden meist die Kinder aus den einfachsten Hütten, in den Städten sind es die Söhne und Töchter der armen Zuwanderer. So wie 2005/2006, als in den Slums von Delhis Gegend Nithari mehr als zwei Dutzend Kinder und junge Frauen verschwanden. Die Polizei verfolgte die Fälle kaum - und nur durch Zufall wurden schließlich Knochen und andere Überreste gefunden.

Anzeigenaufnahme eher selten

Die Polizei habe zwar eine festgelegte Vorgehensweise, doch diese Regeln für Vermisstenanzeigen würden meist nicht befolgt, sagen Aktivisten. Azhar Abir, der Vater der verschwundenen Guriya, erzählt, gerade die Anzeigen von mittellosen Menschen würden oft nicht aufgenommen. Er selbst habe den Polizisten bestechen müssen. "Sie schikanieren die Armen, diejenigen, die weder Geld noch Einfluss haben", sagt Abir. Vor allem die Eltern von Mädchen bekämen zu hören, ihre Tochter sei sicher mit einem Nachbarjungen durchgebrannt.

Delhis Polizeisprecher Rajan Bhagat meint, es müssten immer alle Seiten betrachtet werden, schließlich hätten viele Kinder ein hartes Leben im Elternhaus. "Manche Mädchen reißen aus, um zu heiraten. Jungen laufen weg für einen Job, ohne zu wissen, worauf sie sich dabei einlassen. Manche von ihnen wollen vielleicht gar nicht mehr nach Hause zurück." Außerdem hätten die Slum-Bewohner oft gar keine Fotos ihrer Kinder, da sei es schwer, die Kleinen zu finden.

Leelavati, die wie viele Menschen am unteren Ende der Gesellschaft in Indien nur einen Namen hat, besitzt ein Foto ihres Sohnes Sonu. Es ist ausgebleicht und abgegriffen, denn schon viel zu oft hat sie es aus der Brusttasche ihrer Bluse hervorgeholt und wieder hineingesteckt. Drei Jahre lang. "Ich habe neulich geträumt, wir finden Sonu - und verlieren ihn dann wieder", sagt sie.

Armreifen erinnern an Tochter

Ihre Nachbarin Rekha Kewal hat die Armreifen aufgehoben, die ihre Tochter so liebte. "Die werden ihr jetzt nicht mehr passen", sagt sie. Sieben Jahre war ihre Tochter Puja alt, als sie 2010 nicht aus der Schule zurückkam. "Wir haben drei Söhne, sie war unsere einzige Tochter", sagt Vater Ram Kewal. "Wir suchen weiter nach ihr. Jedes Mal, wenn jemand sagt, er habe sie gesehen, stürzen wir los. Aber es war bisher immer falscher Alarm."

Sunrita Sen
(dpa)

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