Trauer und Wut
Trauer und Wut

28.04.2013

Vorwürfe gegen Besitzer von Unglücksfabrik in Bangladesch Opferzahl gestiegen

Sie wurden gezwungen, zur Arbeit zu gehen - trotz Rissen in der Wand. Nun haben fast 350 Menschen unter den Trümmern des eingestürzten Fabrikgebäudes in Bangladesch ihr Leben verloren, fast 600 Arbeiter werden noch immer vermisst. Die Polizei nimmt Verdächtige fest.

Schwere Vorwürfe gegen die Eigentümer der eingestürzten Textilfabrik in Bangladesch hat die dortige Polizei erhoben. Trotz Rissen in dem achtstöckigen Gebäude sollen sie ihre Angestellten vor drei Tagen zur Arbeit gezwungen zu haben, sagte Polizeichef Monirul Islam. Die Polizei nahm zunächst die Besitzer zweier Textilfabriken fest. Auch zwei Regierungsingenieure, die Verstöße gegen Bauvorschriften aufdecken sollen, wurden in Gewahrsam genommen. Zwei weitere, die mittlerweile im Ruhestand sind, wurden verhört.

Nach dem Eigentümer des eingestürzten Hauses wurde zunächst weiter gesucht. Die Polizei nahm vier Verwandte in ihre Gewalt, um den Flüchtigen unter Druck zu setzen. Nach Angaben des Staatsministers im Innenministerium, Shamsul Haque Tuku, wird der Besitzer verdächtigt, minderwertige Materialien für den Bau eingesetzt zu haben.

Hunderte Vermisste

Unterdessen stieg am Samstag die Zahl der Opfer auf mindestens 348. Die Behörden veröffentlichten zudem eine Liste mit 591 Namen von Vermissten. In den Trümmern des Hauses fanden Helfer mindestens 29 Überlebende. Weitere wurden noch immer in den Gebäudeüberresten in Savar in der Nähe der Hauptstadt Dhaka vermutet.

"Wir werden über Nacht weiter in den Trümmern suchen. Unsere Priorität ist, Menschen lebend zu retten", sagte Syed Hassan Suhrawardy, der den Einsatz leitet. Eine Lebende wurde am Samstag vor laufenden Kameras aus den Trümmern geborgen. Retter konnten bislang nahezu 2500 Menschen lebend aus dem Trümmern holen. Unter brennender Sonne suchten tausende Angehörige auf einem Schulhof nahe des Unglücksortes nach getöteten Verwandten. Auf den Hof bringen die Retter die geborgenen Leichen.

Rund 4000 Textilfabriken in Bangladesch stellten ihre Produktion wegen der Proteste tausender Arbeiter ein. Sie sollen das ganze Wochenende über geschlossen bleiben. Die Demonstranten forderten die Festnahme der Verantwortlichen sowie sichere Arbeitsstandards. Sie blockierten Straßen, zerstörten Autos und beschädigten einige Unternehmen im Industrieviertel der Hauptstadt. Die Polizei setzte in und um Dhaka Tränengas und Gummigeschosse ein, um die Ansammlungen aufzulösen. Mindestens 20 Arbeiter wurden dabei verletzt.

Bangladeschs Verband der Textilproduzenten und -exporteure forderte von den Verantwortlichen der Textilfirmen, die in dem eingestürzten Gebäude angesiedelt waren, sich den Behörden zu stellen.

In dem zerstörten Gebäude soll Bangladeschs Textilproduktions- und Exportverband zufolge auch die Firma Ether-Tex nähen lassen haben, die unter anderem für C&A und Kik produzierte. C&A und Kik hatten erklärt, nichts aus der Unglücksfabrik bezogen zu haben. Die Geschäftsbeziehung mit Ether-Tex endete für C&A demnach im Oktober 2011. Kik teilte mit, dass zu der Firma keine Geschäftsbeziehung bestehe. "Letztmalig wurde hier im Jahr 2008 produziert", hieß es.

Der Geschäftsführer des Gesamtverbands Textil + Mode, Wolf-Rüdiger Baumann, sagte der Nachrichtenagentur dpa, vor allem Konzerne wie Mango aus Spanien und Primark aus Großbritannien seien betroffen. "In allen Fällen der vergangenen Jahre waren ausschließlich Versender und Ketten betroffen, die in keinem EU-Mitgliedsstaat in den Industrieverbänden organisiert sind." Diese Ketten arbeiteten mit Agenten, von denen man häufig nicht genau wisse, "wer dahinter steckt, also irgendwelche Zulieferbetriebe, die in der Tat zum Teil unter Bedingungen arbeiten, die einen erschauern lassen".

Papst ruft zum Gebet auf

Die Textilindustrie macht 79 Prozent der Ausfuhreinnahmen Bangladeschs aus. Fragen über die Sicherheitsstandards sind immer wieder aufgekommen. Im November kamen 112 Arbeiter bei einem Feuer in einer Fabrik bei Dhaka ums Leben. 64 starben als im Jahr 2005 eine Fabrik in Savar einstürzte. Mindestens 22 Menschen wurden getötet, als 2006 ein Haus in Dhaka zusammenbrach.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich nach der jüngsten Tragödie erschüttert. Den Menschen und der Regierung Bangladeschs ließ Ban über einen Sprecher sein tiefstes Beileid ausdrücken. Die Vereinten Nationen stünden bei Bedarf bereit, Hilfe zu leisten, teilte Bans Sprecher am Freitag (Ortszeit) in New York mit.

Papst Franziskus rief zum Gebet für die zahlreichen Toten und Verletzten auf. "Betet mit mir für die Opfer der Tragödie in Dhaka, dass Gott ihren Familien Trost und Kraft schenke", so Franziskus am Samstag über seinen Twitter-Account.

(dpa)

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