Muslime wollen sich in Militärseelsorge engagieren
Militärseelsorge

25.05.2018

Militärpfarrer berichtet von Einsätzen "Mit jedem Töten splittert ein Teil der Seele ab"

"Angst, Heimweh, Wut": Die gewachsene Verantwortung der Bundeswehr nimmt die deutschen Soldaten auch in Auslandseinsätzen in die Pflicht. Um ihre Sorgen kümmern sich Militärseelsorger, die die Einsätze begleiten.

KNA: Sie sind in Bad Reichenhall stationiert. Was macht den Unterschied aus zwischen Militärseelsorge und psychologischer Betreuung durch die Bundeswehr?

Pfarrer Andreas Vogelmeier (Militärseelsorger, Einsätze im Kosovo und in Afghanistan): Wir begleiten Soldatinnen und Soldaten bei ihrer Arbeit seelsorglich, die durch vielfältige schwere Aufgaben gekennzeichnet ist. Das kann durch Gespräche geschehen, aber auch durch Spenden der Sakramente oder in einem seelsorgerlichen Gespräch. Wenn Soldaten Sorgen haben, dann können sie in Gottesdiensten und Andachten beispielsweise eine Kerze anzünden, um auch auf diese Weise ihren Gefühlen nonverbal Ausdruck zu verleihen. Bei Beerdigungen oder Gedenkfeiern für gestorbene oder gefallene Soldaten spenden Ikonen und geistliche Musik nicht unerheblich Trost. Was Riten und Seelsorge betrifft, sind Kirchen geeignete Anlaufstellen.

KNA: Welche Rolle spielt der Glaube im Einsatz?

Vogelmeier: Der Glaube gibt die Möglichkeit, das eigene Leben und die Arbeit in einem weiteren Horizont zu deuten. Fragen nach Schuld und Versagen werden, wenn Soldaten jemanden getötet oder wenn sie in einem Gefecht schlimme Dinge erlebt haben sollten, in einem seelsorgerlichen Gespräch noch einmal auf eine recht spezifische Weise aufgefangen. Hier arbeiten im Idealfall Psychologen und Pfarrer durchaus gut zusammen. Bisher habe ich die Zusammenarbeit immer positiv erlebt.

KNA: Welche Probleme beschäftigten Soldaten häufig?

Vogelmeier: Probleme in der Familie oder wenn es in der Beziehung kriselt, aber auch das Thema Heimweh kommt vor. Wir sprechen außerdem viel über Belastungen durch den soldatischen Dienst wie Angst, Wut oder Schuldgefühle. Aber auch wegen alltäglicher Probleme kommen Soldaten zu mir. Ich versuche dann auch für die Gottesdienste diese Themen aufzunehmen, die im Standort oft umgangen oder auch beschwiegen werden.

KNA: Wie gehen Soldaten mit dem Töten von Menschen um, und welche Rolle können Sie dabei einnehmen?

Vogelmeier: Mit jedem Töten splittert ein Teil der Seele ab. Das kann keiner vergessen, aber er muss lernen, damit umzugehen. Das kommt dann ganz auf den Soldaten an. Wenn Schuldgefühle da sind, muss ich sehen, um welche es sich dabei handelt. Ich darf sie nicht zu schnell kleinreden oder gar wegerklären, gerade dann, wenn ein Soldat im Kampfgeschehen töten musste.

KNA: Wie nehmen Soldaten Ihre Seelsorge an?

Vogelmeier: Das Gute ist, dass alles, was die Soldaten erzählen, unter das Beichtgeheimnis fällt. Das wird von uns streng eingehalten. Wir sind die, bei denen auch einmal kernige Soldaten sitzen und weinen, wenn die Tür zu ist. Oder wenn jemand wirklich wütend ist, kann er bei mir seinem Groll Luft machen. Soldaten aus höheren Dienstgraden können ihr Heimweh oder ihre Verzweiflung meist nicht offen vor allen zeigen - sie wollen stets Stärke zeigen und Vorbild für andere sein, um auch so ihre Truppe zu motivieren. Auf diese Weise stehen sie unter einem nicht unerheblichen inneren Druck.

KNA: Wie nehmen Soldaten Ihre weiteren Angebote an?

Vogelmeier: Die Soldaten haben bei mir am sogenannten Lebenskundlichen Unterricht teilzunehmen. Das ist kein Religions-, sondern ein Ethikunterricht. Zudem besprechen wir in Gruppen die Schwierigkeiten ihres Soldatenlebens und die Folgen ihres Handelns. Das alles wird sehr dankbar angenommen. Bei Gottesdiensten und kirchlich geprägten Veranstaltungen herrscht selbstverständlich das Prinzip der Freiwilligkeit.

KNA: Geht es bei den Soldaten auch darum, ob Krieg gerecht sein kann?

Vogelmeier: Krieg kann nie gerecht sein. Der mittelalterliche Theologe und Philosoph Thomas von Aquin sprach vielmehr davon, wodurch in damaliger Zeit ein Krieg legitimiert worden ist, aber nicht davon, ob er in unserem heutigen Sinne gerecht ist. Somit ist klar, dass wir uns in der Militärseelsorge dem gerechten Frieden verpflichtet wissen.

Das Interview führte Maren Breitling.

(KNA)

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