Kardinal George Pell
Kardinal George Pell
In sich versunken: Der ehemalige Kardinal Theodore McCarrick
In sich versunken: Der ehemalige Kardinal Theodore McCarrick
Kardinal Philippe Barbarin (Archivbild)
Kardinal Philippe Barbarin
Graffito mit George Pell und dem Teufel
Graffito mit George Pell und dem Teufel

08.04.2020

Für den Vatikan ist der Freispruch des Kardinals kein Triumph Pells Phantomsieg

Kardinal George Pell, einst einer der mächtigsten Männer der Kirche, ist vom Vorwurf sexuellen Missbrauchs freigesprochen worden. Die Kirchenleitung verzichtet auf Jubel - und das nicht nur wegen der Karwoche.

Kardinal George Pell ist vom Vorwurf sexuellen Missbrauchs freigesprochen und aus der Haft entlassen worden. Deshalb stimmt der Vatikan noch kein Freudengeläut an.

Das Presseamt des Heiligen Stuhls teilte am Dienstag mit, man begrüße das Urteil, habe stets auf die australische Justiz vertraut und werde weiter gegen sexuellen Missbrauch vorgehen. Dass der gesundheitlich angeschlagene 78-jährige Pell die Kurie dabei mit neuem Elan ansteckt, steht indes nicht zu erwarten.

Kardinäle durch Missbrauchsskandal im Abwärtsstrudel

Pell ist nur einer von drei Kardinälen, die der Missbrauchsskandal in seinen Abwärtsstrudel gezogen hat. Neben Pell, als Sekretär des vatikanischen Wirtschaftsrates einst einer der einflussreichsten Amtsträger der katholischen Kirche, waren das der französische Kardinal Philippe Barbarin, jetzt emeritierter Erzbischof von Lyon und Primas von Gallien, und Kardinal Theodore McCarrick, lange eine prägende Gestalt der US-Kirche.

An allen drei fand die weltliche Justiz wie weiland Pontius Pilatus am Ende nichts, worauf eine Strafe stünde. Dennoch gingen sie aus den Verfahren beschädigt hervor.

McCarrick stand unter dem Vorwurf, Priesteramtsstudenten und junge Geistliche sexuell ausgenutzt zu haben. Sie waren zwar von ihm als Bischof abhängig, aber - mit wenigen Ausnahmen - volljährig. Aus staatlicher Sicht keines Vergehens schuldig, musste sich McCarrick widerstrebend dem Verdikt des kirchlichen Strafgerichts bei der Glaubenskongregation beugen. Kardinalstitel und Priesterwürde wurden ihm aberkannt; der 89-Jährige lebt zurückgezogen in einem Ordenshaus.

Anders der Fall des heute 69-jährigen Barbarin: Hier ging es um Nichtanzeige des sexuellen Missbrauchs, den ein ihm untergebener Geistlicher begangen hatte. Im März 2019 wurde der Kardinal zu einer Bewährungsstrafe verurteilt; ein Berufungsgericht sprach ihn im Januar frei. Fünf Wochen später, am 6. März, nahm Papst Franziskus Barbarins Verzicht auf die Bistumsleitung an.

Was machte der Vatikan?

Die Kirchenleitung in Rom fand sich jeweils in einer schwierigen Lage mit den drei Kardinälen. Die Affäre um McCarrick führte zu einem Konflikt in den eigenen Reihen: Ultrakonservative werteten seine sittlichen Entgleisungen als Ergebnis eines moralischen Relativismus, für den auch der amtierende Papst stehe.

Bei Barbarin hingegen ging es darum, gegenüber dem laizistischen Frankreich die Stellung zu halten. Ein Rücktritt schon nach dem ersten Urteil hätte wie eine Aufgabe der Unschuldsvermutung gewirkt, argumentierte Franziskus.

Ähnlich die Causa Pell. Offiziell war der Kardinal seit Juni 2017 lediglich freigestellt, um sich seiner Verteidigung widmen zu können.

Von Entlassung war nie die Rede. Im Februar 2019 endete Pells reguläre fünfjährige Amtszeit als Finanzchef. Dazu gab es einen Tweet vom Presseamt; ein denkbar lapidarer Abschied. Inzwischen ist Pells Posten neu besetzt.

Offen bleibt die Frage, wie die kirchliche Gerichtsbarkeit den Vorwürfen gegen Pell nachgeht. Papst Franziskus hatte angekündigt, derartige Anschuldigungen rigoros aufzuklären. Doch dann hieß es, man wolle ein Urteil der staatlichen Gerichte abwarten.

Vorwürfe gegen Pell nicht haltlos

Im Februar 2019 erklärte ein Vatikansprecher immerhin, die für Sexualdelikte zuständige Glaubenskongregation werde sich um den Fall kümmern, "gemäß den Vorgehensweisen und Zeiten, die die kanonischen Normen dazu vorgeben". Der päpstliche Sonderbeauftragte für die juristische Missbrauchsaufarbeitung, Erzbischof Charles Scicluna, stützte diese Darstellung im März 2019.

Die jetzige Stellungnahme des Vatikan zum Freispruch ging auf die kircheninternen Untersuchungen mit keiner Silbe ein. Dabei stellte auch das Oberste Gericht in Australien nicht fest, dass die Vorwürfe gegen Pell haltlos sind, sondern nur, dass ihm eine Schuld nicht nachgewiesen wurde.

Im Herbst tauchte in Vatikannähe ein Graffito des australischen Streetart-Künstlers Scott Marsh auf, das Pell in Sträflingskleidung und überragt von einer Satansgestalt zeigte. Wenig später wurde es von der Stadt Rom grau übermalt. Doch so schnell wird der Dämon nicht verschwinden.

Burkhard Jürgens
(KNA)

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