Kloster Ettal
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Robert Köhler (Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer e.V.)
Robert Köhler (Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer e.V.)

10.03.2020

Wie sich Priester an die Seite von Missbrauchsopfern stellen können Den Mechanismus des Missbrauchs durchschauen

Prävention muss für Priester im Seminar beginnen. Robert Köhler vom Verein Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer hat konkrete Vorstellungen davon, wie sich Priester auch in der Gemeinde an die Seite der Opfer stellen können.

DOMRADIO.DE: Was muss ein Priesterseminar leisten, um sexuellen Missbrauch vorzubeugen?

Robert Köhler (Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer e.V.): Ich glaube, dass es eine wichtige Sache ist, prinzipiell über Sexualität reden zu können. Probieren Sie mal, ein Buch in die Hand zu nehmen, das jemandem zu erklären und dabei die richtigen Worte zu finden. Dann merken Sie: Das ist gar nicht so einfach.

Das ist für mich schon mal eine erste Übung, einfach über Sexualität reden zu können - nicht abstrakt. Man darf sich nicht darauf zurückziehen, nicht darüber reden zu können. Es ist eine ganz normale Sache, die zum menschlichen Leben gehört und ein sehr wichtiger Teil ist. Dem muss man sich locker nähern. Das braucht ein bisschen Übung. Wenn man nicht über Sexualität reden kann, weil man es einfach nicht tut und nicht gewohnt ist, dann wird es schon ganz schön schwierig.

Zum anderen muss einem auch klar sein, in welchen Situationen Missbrauch eigentlich passiert. Es ist eben nicht der Unbekannte, der jemanden überfällt. Es ist ein ganz geringer Prozentsatz, bei dem das vorkommt - und diese Leute erwischt es sehr schlimm. Es muss einem eher klar werden: Da baut irgendein Erwachsener eine Beziehung zu einem Kind auf. Es ist nicht der Unbekannte, vor dem man das Kind schützen muss, es ist der Bekannte. Es wird Vertrauen aufgebaut. Dieses Vertrauen gleitet dann irgendwann ab, indem ein Erwachsener seine persönlichen sexuellen Wünsche mit dem Kind auslebt. Und das gehört da nicht hin.

Das muss vom Grundsatz her klar sein: Es ist ein schleichender Prozess. Es ist auch von vielen Tätern ein geplanter Prozess. Man schafft Gelegenheiten, dehnt diese Gelegenheiten so weit aus, bis man sich sicher ist, dass einem nachher nichts passiert und dass man nicht erwischt wird. Die Täter sind sehr häufig Menschen, die Nähe aufbauen, die manipulieren können durch Nähe, über das Vertrauen, über das Spiel mit Zuneigung und Abneigung. Diese Methode der Anbahnung muss man kennen.

Missbrauch ist in der Regel kein punktueller, aggressiver Akt, sondern er hat eine Geschichte, die sich über Monate aufbaut, vielleicht sogar länger und die dann in einem realen Missbrauch endet. Es werden immer mehr Grenzen verschoben.

DOMRADIO.DE: Was können die angehenden Priester denn konkret in ihre Gemeindearbeit mitnehmen?

Köhler: Was man in der Priesterausbildung vermitteln muss, ist, dass es nicht so einfach ist, den Missbrauch aufzudecken. Es ist keine Schwarz-Weiß-Situation. Man erwischt niemanden in flagranti. Die Leute haben sich so eingerichtet, dass die Situation für sie ungefährlich ist.

Es sind ja häufig nicht die betroffenen Kinder, die den Missbrauch melden, anzeigen oder zur Kenntnis bringen. Es sind die Freunde, die sagen: Da stimmt doch irgendetwas nicht mit dem Mann, dem Mädchen oder dem Jungen. Der ist so häufig dort und dort. Dann muss man einen Anfangsverdacht bekommen, dem nachgehen und dann intervenieren. Das ist für mich etwas, was ich für die Priesterausbildung schon wichtig finde, dass man diesen Mechanismus des Missbrauchs kennt.

Man darf da nicht mit falschen Bildern reingehen. Erst dann kann man sagen: Ich habe vielleicht einen ersten Blick darauf. Wo sind denn eigentlich Gelegenheiten für Täter? Ein Priester kommt ja häufig in Leitungspositionen, in denen er diese Gelegenheiten dann eindämmen kann. Wenn er zum Beispiel Gemeindepfarrer ist, dann muss er einfach einen Blick dafür haben: Wo muss ich Dinge und Verhaltensweisen verändern? Wo muss ich Grenzen setzen - schon in Situationen, die erst mal noch ganz unverfänglich sind. Da sagt ein Pfarrer vielleicht: Das möchte ich in meiner Gemeinde nicht, dass ein Erwachsener einem Kind die Sonnencreme auf den Rücken oder auf die Brust schmiert. Da hat man dann so viele Kleinigkeiten im Alltag, die ein Bewusstsein für das Thema schaffen. Das hilft schon ungeheuer.

DOMRADIO.DE: Wie können die neuen und auch die aktuellen Priester in den Gemeinden ein Zeichen für Aufarbeitung und Prävention setzen?

Köhler: Aus meiner Sicht gibt es bei der Aufarbeitung immer wieder einen blinden Fleck: Die Betroffenen sind meistens Menschen, die sich früher in den Gemeinden stark engagiert haben. Dadurch waren auch erst diese Übergriffssituationen möglich – weil eine entsprechende Nähe aufgebaut werden konnte. Diese emotionale Verbundenheit der Betroffenen mit der jeweiligen Gemeinde oder Einrichtung, in der das Ganze stattgefunden hat, wird meiner Meinung nach zu wenig beachtet. Für viele, auch wenn es garantiert die Wenigsten so ausdrücken, ist diese Verbindung fast ein bisschen wie "Familie".

Ich kenne das aus meiner Verbindung zu Ettal, aus neun Jahren Internat. Man hat diese Verbindung. Familie kann man mögen oder hassen - aber die Verbindung wird man nicht los. Für die Betroffenen ist es sehr wichtig, dass der Ort, an dem das früher passiert ist, für sie heute erkennbar sicher ist. Das trägt schon sehr stark zur Entlastung bei. Das ist auch die Grundidee unseres Projektes "Wir wissen Bescheid".

Wenn mir zum Beispiel in einer Gemeinde etwas passiert ist, woher weiß ich denn, ob ich zu dem heutigen Pfarrer gehen kann und einfach mal mit ihm zwei Stunden reden kann? Gibt er mir denn irgendein Zeichen dafür? Oder bin ich ausschließlich durch die Medienberichterstattung geprägt, die sagt: "Kirche kannste vergessen, da brauchste gar nicht hingehen." Das ist schon ein Punkt, mit dem man die Betroffenen erreichen kann. Der Pfarrer kann ein Zeichen geben: "Ja, man kann mit mir reden, wenn hier in dieser Gemeinde etwas passiert ist. Ich höre zu."

Wenn Sie über den Missbrauch und die Aufarbeitung reden, dann haben Sie heute die großen Institutionen vor Augen: Domspatzen, Ettal, Canisius und so weiter. Aber ein Großteil – auch der in der MHG-Studie – benannten Opfer, sind in den Gemeinden missbraucht worden. Dort können sich die Leute nicht zusammenfinden. Die sind da ziemlich allein und wissen nicht, wo sie hingehen sollen. Auch deswegen haben sie viele Forderungen, die an diese anonyme Kirche gehen. Die sagen natürlich: Wenn sich schon keiner um mich kümmert, dann bitte schön ist zumindest das Geld ein Zeichen dafür, dass man mich endlich hört. Deswegen finde ich, dass neben der finanziellen Entschädigung, auch dieser emotionale Teil ungeheuer wichtig ist.

Wir hatten in Ettal dieses Bild: Wir wollen wieder erhobenen Hauptes dort durch die Eingangstüre gehen können. Dieses Bild hat uns durch die Aufarbeitung gut getragen und trägt bis heute noch gut. Dann ist man nicht mehr das Kind, nicht mehr der Schüler, nicht mehr in der Defensive, sondern man geht auf Augenhöhe hinein. Man unterhält sich dort auf Augenhöhe mit Leuten, die dort heute verantwortlich sind. Und das tut gut.

Das Interview führte Gerald Mayer.

(DR)

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