Opfervertreter Katsch: "Wir müssen weg von dem Begriff der Anerkennungszahlungen"
Opfervertreter Katsch: "Wir müssen weg von dem Begriff der Anerkennungszahlungen"

02.03.2020

Opfervertreter Matthias Katsch hofft auf Entschädigungs-Beschluss der Bischöfe "Wenn sich alle gemeinsam bemühen, muss es möglich sein"

Auch die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ist Thema auf der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe, die an diesem Montag in Mainz beginnt. Opfervertreter Matthias Katsch fordert angemessene Entschädigungszahlungen. 

DOMRADIO.DE: Mit Blick auf den Missbrauchsskandal hat die Kirche bislang pro betroffener Person etwa 5.000 EUR als Anerkennung des Leids gezahlt. Sie haben ausgerechnet und beziffert, dass die deutschen Bistümer die finanziellen Möglichkeiten hätten, die Opfer sexueller Gewalt zu entschädigen, und zwar nicht nur mit 5.000 Euro.

Matthias Katsch (Geschäftsführer und Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch"): Das ist richtig. Ich glaube, zu allererst muss man das begrifflich auseinanderhalten. Die Anerkennung des Leides, wie die Bischöfe das formuliert haben, ging ja davon aus, dass man gesagt hat: "Wir als Kirche sind es nicht gewesen, die Täter waren es."

Wir haben aber spätestens nach der MHG-Studie gelernt - und die Kirche hat das auch anerkannt - dass der Missbrauch sehr wohl die Kirche als Institution betrifft; dass es eine Mitverantwortung an Schuld und vielfach ein Versagen gegeben hat. Deswegen braucht es eine Entschädigung und nicht nur eine Anerkennung, die auf der symbolischen Ebene bleibt.

DOMRADIO.DE: In welcher Höhe sollte diese Entschädigung liegen?

Katsch: Im letzten Jahr haben die Bischöfe eine Arbeitsgruppe beauftragt, Empfehlungen zu formulieren. Diese Empfehlungen sind in Fulda dann vorgestellt worden. Sie schlagen den Bischöfen zwei Modelle vor: entweder eine Pauschale oder eine Einstufung nach Schwere der Folgen und Schwere der Taten. Die Summen bewegten sich zwischen 40.000 und 400.000 Euro.

DOMRADIO.DE: Der ehemalige Leiter des Canisius-Kollegs, Pater Mertes, etwa sagt, sein Orden der Jesuiten würde an hohen Entschädigungszahlungen komplett zerbrechen.

Katsch: Deswegen haben wir in diesen Empfehlungen formuliert, dass es eine gemeinsame Kraftanstrengung der Kirche in Deutschland braucht, um diese Entschädigungen der Opfer aufzubringen. Denn es gibt arme Bistümer und reiche Bistümer. Und genauso gibt es eben auch Ordensgemeinschaften, die überfordert wären, wenn sie das alleine machen müssten - weil sie zum Beispiel, wie die Jesuiten, Schulen betrieben haben und deshalb sehr viele Betroffene haben.

Das lässt sich nur durch eine gemeinsame Anstrengung aller in der Kirche aufbringen. Dazu haben wir eigentlich aufgefordert. Was ich jetzt ein bisschen sehe, ist aber, dass jeder wieder guckt, wie er alleine mit seiner Gliederung, mit seinem Bistum, mit seinem Orden zurechtkommt. Das wird den Opfern nicht gerecht.

DOMRADIO.DE: Sie haben mal gesagt, die reichste Kirche der Welt kann sich die Entschädigung ihrer Opfer leisten. Sie muss es nur wollen. Wie läuft es denn in anderen Ländern?

Katsch: Da gibt es unterschiedliche Modelle. In Irland zum Beispiel hat der Staat die Entschädigung vorfinanziert und versucht seitdem, sie sich von der Kirche zurückzuholen. Ich glaube, mit wechselndem Erfolg. Andere Länder haben praktisch von vornherein ein gemeinsames Modell entwickelt. Ich glaube, es muss möglich sein, dass ausgerechnet die deutsche Kirche, die tatsächlich - wenn man sich die Finanzausstattung anschaut - so gut dasteht wie keine andere Teil-Kirche der katholischen Kirche in der Welt, Opfer entschädigt.

Wenn man will, kann man es gemeinsam organisieren. Natürlich guckt man dann zunächst mal auf die Bistümer und Gliederungen, die ein besonders hohes Kirchensteueraufkommen und ein besonders hohes Vermögen haben. Aber wenn sich alle gemeinsam bemühen, muss es möglich sein.

DOMRADIO.DE: Heute beginnt die Bischofvollversammlung in Mainz. Sie werden dabei sein. Was erhoffen Sie sich von dieser Woche?

Matthias Katsch: Ich hoffe vor allem, dass die Bischöfe nicht dem Druck nachgeben, der ja spürbar war in den letzten Monaten, nachdem sie in Fulda ja eigentlich einen großen Schritt nach vorne gemacht haben, indem sie erst einmal grundsätzlich die Entschädigungszahlungen anerkannt haben. Natürlich muss man dann über die Summen reden, wie man die berechnet und wie man das den Menschen zuerkennt. Aber ich hoffe, dass die Bischöfe nicht den Fehler machen, jetzt aus Angst vor der Courage wieder zwei Schritte oder noch weiter zurückzugehen.

Wir müssen weg von dem Begriff der Anerkennungszahlungen. Wir müssen hin zu einer angemessenen Entschädigung. Ich hoffe, dass bei der Vollversammlung ein Beschluss in diese Richtung fallen wird. 

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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