Bischof Stephan Ackermann
Bischof Stephan Ackermann

09.01.2020

Bischof Ackermann sieht weiter schwierige Missbrauchsaufarbeitung "Kirchengeschichtliche Zäsur"

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, sieht die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche als "kirchengeschichtliche Zäsur". Die Aufarbeitung werde "weiter schwierig und schmerzlich bleiben."

Zudem werde die Aufarbeitung zu Aggressionen oder zu Enttäuschungen führen, sagte der Bischof am Donnerstag in Trier. Der Skandal habe die Kirche massiv erschüttert und verändert; die Aufarbeitung habe Fragen nach Macht, Strukturen und Transparenz aufgeworfen.

Kein Zeitplan bezüglich Entschädigungszahlungen

Zur Frage nach der derzeit diskutierten Neuregelung von kirchlichen Entschädigungszahlungen für Betroffene sexuellen Missbrauchs legte Ackermann noch keinen konkreten Zeitplan vor. Auf der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe in Mainz werde zunächst über die Weiterentwicklung des Konzepts entschieden, nicht unbedingt über die konkrete Höhe und die Modalitäten der Entschädigungszahlungen.

Ackermann kündigte zudem an, einen mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, erarbeiteten Vorschlag zur Aufarbeitung mit den anderen Bischöfen zu besprechen. Erreicht werden solle eine standardisierte Form der Aufarbeitung für alle Bistümer. Klar sei, dass die Aufarbeitung nach den entwickelten Kriterien "für jedes Bistum ein Prozess wird, der Ressourcen in Beschlag nimmt", so Ackermann weiter.

Erwartungen bei Betroffenen

Der Kriminologe Christian Pfeiffer kritisierte am Abend in Trier, dass die Kirche keinen konkreten Zeitplan zu einem neuen Entschädigungsverfahren bekannt gegeben habe. Ebenso habe sie angekündigt, Täter und Verantwortliche klar zu benennen - aber nicht, wann das passieren solle. Pfeiffer berichtete, wie die Ankündigung auf ein neues Entschädigungssystem Erwartungen bei Betroffenen geweckt hätte. Die Vorschläge danach monatelang nicht umzusetzen, werte er als "absolut menschenunwürdigen" Umgang der Kirche mit Betroffenen.

Ackermann äußerte sich aus Anlass der vor zehn Jahren losgetretenen Debatte über sexuellen Missbrauch in der Kirche. Seitdem ist der Trierer Bischof Sonderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für das Thema. Das Amt wurde im Februar 2010 eingerichtet, nachdem der Jesuit Klaus Mertes im Januar Fälle sexuellen Missbrauchs an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg öffentlich machte, die eine bis heute anhaltende Debatte über Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland auslösten.

Veränderter Blick auf die Kirche

Mertes sieht Anhaltspunkte dafür, dass sexueller Missbrauch durch Kleriker vom kirchlichen System begünstigt werde. "Die Täter brechen ja nicht einfach von außen in die Kirche ein, sondern kommen aus dem Innersten der Kirche, tragen in ihr Verantwortung und repräsentieren", sagte Mertes im Interview gegenüber DOMRADIO.DE. Der Missbrauchsskandal sei ein Signal, umzudenken. Einen echten Umschwung in der Kirche hält der Jesuit für möglich: Dann, wenn die Kirche weltweit begreife, "dass es im innersten Kern der Sendung der Kirche schädlich bis zerstörerisch wirkt, wenn sie nicht in der Lage ist, Kinder vor Tätern und Vertuschung zu schützen".

Ackermann sagte mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre weiter: "Es gibt keine andere gesellschaftliche Gruppe, die so strukturiert wie wir dieses Thema über zehn Jahre bearbeitet." Die Kirche habe sehr viel auf den Weg gebracht. Sein eigener Blick auf die Kirche habe sich in der Zeit allerdings auch verändert. Er habe "in viele Abgründe" schauen müssen und gesehen, was Menschen in der Kirche, darunter vor allem Priester, Kindern und Jugendlichen angetan hätten. "Das ist ein Erschrecken, das nicht nachlässt."

(KNA)

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