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1.700 Missbrauchsopfer wenden sich an Aufarbeitungskommission
Sabine Andresen, Pädagogin
Sabine Andresen, Pädagogin
 Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung
Johannes-Wilhelm Rörig

03.04.2019

1.700 Missbrauchsopfer wenden sich an Aufarbeitungskommission "Wir sehen ein Muster"

Seit drei Jahren gibt es die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland. Nun hat sie in Berlin ihren ersten Bericht vorgelegt. Die Aufarbeitung werde in der Regel von den Betroffenen selbst angestoßen.

In den vergangenen drei Jahren haben sich rund 1.700 Betroffene von sexualisierter Gewalt bei der Unabhängigen Aufarbeitungskommission gemeldet. 56 Prozent von ihnen seien in ihren Familien missbraucht worden, sagte die Vorsitzende der Kommission, Sabine Andresen, am Mittwoch in Berlin. 83 Prozent derjenigen, die sich gemeldet haben, seien Frauen.

Einberufen vom Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hatte die Kommission einberufen; sie nahm im Mai 2016 ihre Arbeit auf. Ihre Amtszeit betrug ursprünglich drei Jahre, wurde aber bis 2023 verlängert. Andresen legten einen Zwischenbericht über die ersten drei Jahre vor.

Die Betroffenen berichteten dem Bericht zufolge von sexualisierter Gewalt in der Familie, im sozialen Umfeld, in der Schule, in Heimen, in der Kirche, beim Sport oder in weiteren Freizeiteinrichtungen. "Wir sehen ein Muster", sagte Andresen. Angestoßen wurde und werde Aufarbeitung und Aufdeckung von Missbrauch in aller Regel durch Betroffene selbst. Dabei stießen sie jedoch als Kinder und auch als Erwachsene auf Widerstände. Dazu gehöre vielfach "das Schweigen der Anderen".

"Existenzielle Dauerbelastung"

Mit Blick auf Missbrauchstaten in Familien sagte die Kommissionsvorsitzende, betroffene Kinder erlebten eine "existenzielle Dauerbelastung". Oft biete nur ein völliger Bruch mit der Familie einen Ausweg, um den Tätern – oft Väter oder Großväter – zu entkommen.

Die Frankfurter Jugendforscherin verwies darauf, dass der Missbrauch in medizinischen Einrichtungen und Kliniken noch zu wenig untersucht sei. Künftig müsse auch geklärt werden, wo Jugendämter und Gerichte versagt hätten.

Es sei auffällig, wie oft das Umfeld bei einem Missbrauch versagt und die Kinder nicht geschützt habe, sagte Andresen. Das gelte für Institutionen wie die Kirchen, die sich selber schützen wollten. Das gelte aber auch für das private Umfeld in Familien, wo Angehörige, Freunde und Nachbarn weggeschaut hätten.

Empfehlungen zur Aufarbeitung in Institutionen 

Die Gesellschaft müsse lernen, Kinder ernst zu nehmen, damit sie sich nicht mehr ohnmächtig fühlten, forderte die Kommissionsvorsitzende. Entscheidend sei auch, dass Erwachsene, die mit Kindern umgingen, ständig fortgebildet würden. Sie müssten etwa Missbrauch identifizieren können und über Täterstrategien oder die Folgen von Missbrauch aufgeklärt werden.

In diesem Jahr würden Schwerpunkte auf die Aufarbeitung von Missbrauch im Sport, an Menschen mit Behinderungen und im Rahmen der sogenannten Pädosexuellenbewegung gesetzt, sagte Andresen. Zudem sollen im Herbst Eckpunkte für Empfehlungen zur Aufarbeitung in Institutionen vorgelegt werden. Die Anhörung Betroffener wird parallel fortgesetzt.

Rörig fordert Geld für Aufklärungskampagne zu Missbrauch

Unterdessen fordert der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, fordert Geld für eine umfassende Aufklärungskampagne in Deutschland. Er setze sich zusammen mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) dafür ein, dass 2020 eine große Kampagne starte, sagte Rörig am Mittwoch bei der Vorstellung des ersten Bilanzberichts der Aufarbeitungskommission Missbrauch in Berlin. Nur noch Finanzminister Olaf Scholz (SPD) müsse zustimmen, dann könne die umfassende Kampagne mit fünf Millionen Euro im Jahr starten.

In die Sensibilisierung der Gesellschaft müsse insgesamt mehr investiert werden, verlangte Rörig. Er wäre sehr froh, wenn die Politik ihr Mitgefühl beim Thema Missbrauch auch materiell unter Beweis stellen würde. Dazu sollten Leistungen für die soziale Entschädigung Betroffener erhöht und die Verfahren sensibler durchgeführt werden.

"Wir sind im Bereich des Kinderschutzes in Deutschland in der Krise", meinte Rörig. Kinderschutz sei «kein Gedöns», sondern «harte Kriminalitätsbekämpfung und wichtige Grundlage für das Leben in unserer Gesellschaft». Der Bundesbeauftragte forderte erneut dazu auf, in allen Ländern möglichst zügig ebenfalls Missbrauchsbeauftragte einzusetzen.

(KNA)

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