Nach dem Gipfel: Was passiert wann?
Nach dem Gipfel: Was passiert wann?
Abschluss des Anti-Missbrauchsgipfels im Vatikan
Abschluss des Anti-Missbrauchsgipfels im Vatikan
Papst Franziskus
Papst Franziskus beim Bußgottesdienst am dritten Tag des Gipfeltreffens

25.02.2019

Tag eins nach dem Anti-Missbrauchsgipfel Papstrede, "Task forces" und Rechtsreformen

Der viertägige Anti-Missbrauchsgipfel, den der Papst einberufen hatte, sorgte für einige Kritik, aber auch Anerkennung. Die Kirche wird weiter liefern müssen - und nicht nur das "Volk Gottes" schaut genau hin.

Alle hatten gebannt auf die Abschlussrede des Papstes gewartet. Am Ende der viertägigen Beratungen von 190 Bischöfen, Ordensoberen und Kurienchefs aus aller Welt sollte Konkretes stehen. Und dann waren viele enttäuscht. Dabei hatte Franziskus selbst zu Beginn dieser bisher einmaligen Kirchenkonferenz gesagt: "Das heilige Gottesvolk (...) erwartet nicht nur einfache Verurteilungen, sondern konkrete und wirksame Maßnahmen!"

Keine neuen Gesetze

Dass der Papst in der Rede am Sonntag acht Punkte nannte, an denen weitergearbeitet werde, reichte vielen nicht. Viele hatten neue Gesetze, aktuelle Fallzahlen oder Namen von Tätern erwartet. Ob die Kritik milder ausgefallen wäre, hätte Franziskus die drei Stunden später in einer Pressekonferenz angekündigten Schritte in seiner Rede erwähnt, steht dahin. Platz wäre gewesen.

Der Papst wollte noch einmal das große Bild zeichnen, in dem er die Kirche und ihren Missbrauchsskandal sieht. Seine Verweise, dass dies ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, dass Gewalt gegen Kinder nicht nur sexueller Art ist, spiegelten sich auch in den Gesprächen während des Gipfels wider. Dass der Hinweis auf den größeren Zusammenhang keinesfalls die Schuld und das Versagen der Kirche schmälerten, sagte er ebenfalls klar. Auch Schuldbekenntnisse gab es, zuletzt am Abend vorher beim Bußgottesdienst in dem allerdings unpassenden Rahmen der "Sala Regia" des Apostolischen Palastes.

Das am Sonntagmittag vom Moderator des Treffens, Pater Federico Lombardi, vor der Presse quasi aus dem Hut gezogene Motu Proprio des Papstes "zum Schutz von Minderjährigen und schutzbefohlenen Personen" klingt beeindruckend. Es beinhaltet aber wohl nur jene Richtlinien zum Kinderschutz, die die Bischofskonferenzen schon 2011 erstellen und seither aktualisieren sollten. Dieses Mal gelten sie dem Staat der Vatikanstadt. Der macht nicht viel Jugendarbeit, hat aber unter anderem ein kleines Seminar und den Chor der Sixtina. Der Entwurf dieses Motu Proprio soll dem Vernehmen nach seit fast zwei Jahren fertig sein, ist also kein Ergebnis des Gipfels.

Wann kommt das Vademecum?

Wann das ebenfalls angekündigte Vademecum kommt, ist unklar. Einige meinen binnen weniger Tage, andere zweifeln, dass mit der Abfassung bereits begonnen wurde. Dass es nötig ist, daran zweifelt keiner. Was nützen die besten Gesetze und Vorschriften, warnen Experten wie Hans Zollner oder Charles Scicluna, wenn Kirchenobere, die keine Juristen sind, nicht wissen, wie sie diese anwenden sollen.

Das Konzept für die Task Forces, die der Leiter des Kinderschutzzentrums an der Gregoriana, Hans Zollner, schon vor dem Gipfel ins Spiel gebracht hatte, stehe, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur. Leute gebe es auch, was fehle, sei die zentrale Koordination im Vatikan. Die muss, davon ist auszugehen, genügend Autorität besitzen, falls die Expertenteams zu Aufklärung und Prävention nicht nur gern angenommene Hilfe sind, sondern auch geschickte Nachhilfe.

Die Strafrechtsreform des Kirchenrechts ist seit zehn Jahren im Gange. Der Missbrauchsskandal verschafft ihr zunehmende Dringlichkeit. Dabei wird auch klar, warum Bischöfe früher so zögerlich oder gar nicht reagiert haben, wenn Fälle von Missbrauch bekannt wurden. In den nachkonziliaren 1970er und 1980er Jahren galten drastische Strafen in der Kirche als unwillkommen, eher setzte man - wie auch außerhalb der Kirche - auf Pastoral und Psychologie.

Zu den von Opfern immer wieder geforderten Namenslisten von Beschuldigten oder Verurteilten ist allein staatlicherseits die Rechtslage völlig unterschiedlich - etwa zwischen USA und Europa oder Australien. Von der Gefahr möglicher Lynchjustiz in Ländern andernorts abgesehen. Über Einzelfälle wollten die Verantwortlichen bei den Pressekonferenzen vergangene Woche nicht reden, es seien Untersuchungen im Gange.

Baustellen bleiben

Die Ahndung der Vergehen von Bischöfen, die bei Missbrauchsverdacht nicht reagiert oder Fälle gar vertuscht haben, bleibt eine große Baustelle. Für den 2016 veröffentlichten Erlass namens "Wie eine liebende Mutter", der es ermöglicht, Bischöfe wegen solchen Fehlverhaltens abzusetzen, fehlen bis heute Ausführungsbestimmungen.

Ob es behördeninterne Verfahrensregeln gibt oder eine Koordination zwischen den vier betroffenen Dikasterien (Bischöfe, Ordensleute, Mission und Ostkirchen) ist unklar. Die "liebende Mutter" Kirche entschließt sich nicht so recht, ihren höchstrangigen Söhnen deren Verfehlungen vorzuhalten.

Es ist weniger Unwille als wohl eher Unprofessionalität, die hinter mancher Zögerlichkeit im Vatikan steckt. Franziskus ist ein Seelsorger, weniger strukturierter Organisator. Seinen Kampfeswillen gegen Missbrauch schmälert das nicht, eher die Umsetzung. Am Montagvormittag berieten die Kurienchefs mit den Organisatoren des Gipfels. Sie wollen liefern, verspricht - knapp zusammengefasst - Vatikansprecher Gisotti am Montagnachmittag. Ausgangspunkt aller Maßnahmen sei das Hören auf die Opfer. Mehr Laien sollten beteiligt werden und überall Ausbildung sowie Prävention verbessert werden.

Über alles werde klar und detailliert informiert. "Das heilige Volk Gottes" wird genau hinschauen.

(KNA)

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