Rainer Maria Kardinal Woelki
Rainer Maria Kardinal Woelki

21.02.2019

Kardinal Woelki über Missbrauchsprävention und den Vatikan-Gipfel "Wir haben mit Blick auf die Opfer versagt"

Sexueller Missbrauch ist ein dunkles Kapitel in der katholischen Kirche. Kardinal Woelki spricht gar vom Versagen der Kirche. Deshalb sieht er das Bischofstreffen im Vatikan auch als Wendepunkt. "Die Zeit des Verleugnens" sei vorbei, betonte er.

Die Standards gegen sexuellen Missbrauch in den deutschen Diözesen seien schon hoch, erklärt der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki am Donnerstag im Interview mit dem Fernsehsender n-tv. Die Missbrauchsfälle der vergangenen Jahre, die etwa im Erzbistum Köln stattgefunden hätten, würden von einer unabhängigen Anwaltskanzlei aufgearbeitet, weit über 100.000 Mitarbeiter seines Erzbistums seien bereits in einer Präventionsschulung gewesen. Erst kürzlich hat Woelki persönlich eine solche Fortbildungsmaßnahme mitgemacht.

Alle Anstrengung zur Bereinigung und Neuordnung in den Bistümern könne aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass "wir […] mit Blick auf die Opfer versagt [haben] und wir […] abgestritten [haben], dass es so etwas gibt. Ich kann deswegen nur um Verzeihung und um Vergebung bitten."

"Froh, dass das Treffen überhaupt stattfindet"

Im Hinblick auf die von Papst Franziskus ausgerufene Anti-Missbrauchskonferenz beschreibt der Kölner Kardinal den langen Weg, den die Kirche gehen musste, bis sie heute endlich an diesem Punkt angelangt ist, - laut Woelki - "hoffentlich" offen über die Missbrauchsproblematik zu sprechen. Dieser Gipfel sorge in der Weltkirche erstmalig für eine Sensibilität. Somit sei die Zeit des Wegdiskutierens, des Verleugnens vorbei. "Wir […] als Bischöfe [müssen] die Verantwortung dafür übernehmen. Hier ist weltweit die Verantwortung aller Teilkirchen gefragt."

"Wir müssen unsere Hausaufgaben machen"

Dafür müssten er und seine Mitbrüder aber auch ihre Hausaufgaben machen, erklärt er und geht mit gutem Beispiel voran: "Wir müssen den Opfern eine Stimme geben, wir müssen die Opfer in den Blick nehmen". Und gleichzeitig müssten "die Verantwortungsträger und diejenigen, die auch Dinge verschwiegen, vertuscht" hätten, dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

Die deutsche katholische Kirche sei bezogen auf die weltweiten Bistümer wohl schon einen Schritt weiter, was laut Woelki auch der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung bestätige. Im Erzbistum Köln gibt es inzwischen auch einen Betroffenen-Beirat. Aber mit den damaligen Opfern zu sprechen und von ihren Erfahrungen zu lernen, sei nicht alles, resümiert der Kardinal. "Wir müssen in unsere Ausbildung investieren, wir müssen in Persönlichkeitsentwicklung investieren, wir müssen reife Persönlichkeiten heranbilden, die Dienste und Aufgaben in der Kirche übernehmen."

Hoffnung auf konsequentes Vorgehen gegen Täter

Forderungen von Opfern, Priester sofort nach einem erwiesenen sexuellen Missbrauch aus dem Priesterstand zu entlassen, begegnet der Kölner Erzbischof positiv. Diese Fälle habe es - zum Beispiel bei Kardinal McCarrick – bereits gegeben. Damit dies aber keine Einzelfälle bleiben, sondern zur Regel werden, wünscht sich Woelki das entschlossene Handeln gegen die überführten Täter "als einen möglichen Beschluss in Rom".

Als Ursache für den sexuellen Missbrauch durch Kleriker sieht er nicht etwa Homosexualität, auch wenn es auffällig sei, "dass viele der Opfer von Priestern missbraucht wurden, die homosexuell sind". Vielmehr gehe es bei der Motivation um einen "Machtmissbrauch einzelner Täter, die die Verantwortung, die die Macht, die ihnen auch durch das Amt gegeben ist, in übelster Weise missbraucht haben mit Blick auf Menschen, die ihrer Fürsorge anvertraut worden sind".

Tobias Fricke
(DR)

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