27.01.2012

Vor zwei Jahren wurde der Missbrauchsskandal öffentlich Hinwendung zu den Opfern

Am Anfang stand ein Brief. Den schrieb vor genau zwei Jahren Pater Klaus Mertes, damaliger Rektor des Berliner Jesuiten-Gymnasiums Canisius-Kolleg, an 600 Ehemalige. Die Botschaft: Patres des Ordens hätten in den 1970er- und 80er Jahren Schüler sexuell missbraucht - und zwar systematisch und über Jahre.

Der Brief, der am 28. Januar 2010 bekannt wurde, trat eine Lawine los: Der Skandal weitete sich auf andere Ordensschulen aus, überrollte auch evangelische Institutionen und weltliche Einrichtungen wie die Odenwaldschule oder Sportvereine.

Auch heute noch werden frühere Missbrauchsfälle bekannt. Derzeit etwa muss sich ein katholischer Priester aus Salzgitter vor Gericht verantworten, weil er sich zwischen 2004 und 2011 in 280 Fällen an drei Jungen vergangen haben soll. Zugleich ist die Sensibilität gewachsen, wie auch Mertes am Montag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) betonte. 20 Monate lang befasste sich ein von der Bundesregierung eingesetzter Runder Tisch mit Kindesmissbrauch. Bei der Missbrauchsbeauftragten Christine Bergmann liefen über 20.000 Briefe und Anrufe auf. Über die Hälfte der dort berichteten Missbrauchsfälle geschah in Familien. Jeder dritte fand in Institutionen statt, rund 60 Prozent davon in den Kirchen.

Missbrauchsbeauftragter wird ernannt
Die katholische Kirche stürzte der Skandal in eine tiefe Vertrauenskrise. "Wie konnte solcher Missbrauch möglich sein - in einer Kirche, die für so hohe moralische Werte steht, die beansprucht, Antworten auf die tiefsten Fragen des Menschseins geben zu können?", fragte der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Eine Quittung für den Skandal: 2010 kehrten so viele Katholiken der Kirche den Rücken wie lange nicht, nämlich 181.193. Jesuitenpater Friedhelm Mennekes macht zudem massive Auswirkungen auf die Seelsorge aus. "Früher habe ich mich nett mit den Menschen unterhalten, heute wird man sofort als potenzieller Verführer der Kinder gesehen", sagt er. Die Geistlichen stünden "mit dem Rücken zur Wand".

Die Bischöfe reagierten mit einer Serie von Maßnahmen. Schon im März 2010 entschuldigten sie sich bei den Opfern. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann wurde zum Missbrauchsbeauftragten ernannt und eine Hotline eingerichtet. Im Sommer 2010 verschärften die Bischöfe die Leitlinien für den Umgang mit den Tätern. Darüber hinaus verabschiedeten sie ein Präventionskonzept und brachten zwei Forschungsprojekte auf den Weg.

Außerdem präsentierte die Bischofskonferenz als erste Institution ein Modell zur materiellen Anerkennung des Unrechts. Demnach sollen Opfer bis zu 5.000 Euro erhalten. 950 Betroffene stellten bislang einen Antrag auf Entschädigung. In 90 Prozent der Fälle sei eine Zahlung empfohlen worden, heißt es. Dass Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch im September fünf Missbrauchsopfer traf, markiert einen weiteren Schritt der Aufarbeitung.

Dialogprozess seit 2010
"Für alle Diözesen lässt sich sagen, dass wir uns den Opfern zugewandt haben, nachdem wir früher viel zu stark die Täter und die Kirche selbst im Blick hatten", resümiert Bischof Bode. Auch Mertes, der für die Veröffentlichung seines Briefes Zustimmung, aber auch viele Hassmails erhielt und als Nestbeschmutzer beschimpft wurde, betont, dass sich die Kirche habe "erschüttern" lassen.

Ihm und vielen anderen Kirchenvertretern ist klar, dass der Missbrauchsskandal eine Krise ans Licht gebracht hat, die schon viel länger virulent ist. Von "bohrenden Zweifeln" an Lehren der Kirche sprach der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. Und verweist etwa auf die Sexuallehre, die Rolle der Frauen und der Laien in der Kirche oder die priesterliche Ehelosigkeit - wobei ein Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch auch von Wissenschaftlern klar verneint wurde.

Zollitsch brachte deshalb im September 2010 einen Dialogprozess auf den Weg. Ein Balance-Akt: Es bestehe die Gefahr, dass im Streit Brücken abgebrochen würden und die Einheit zerbreche, warnt der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. Zollitsch räumt ein, dass die Kirche unter Druck stehe - aber nicht vor einer Spaltung. Den Missbrauchsskandal will der Freiburger Erzbischof nutzen - als Chance zu einer Erneuerung der Kirche.  

Christoph Arens

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