15.04.2011

Ex-Bischof räumt zweiten Missbrauch ein Entrüstung in Belgien

Schlimmer hätte es eigentlich nicht kommen können. Mit einem von Frankreich aus geführten Fernsehinterview löste der ehemalige Bischof von Brügge, Roger Vangheluwe (74), einen Sturm der Entrüstung aus. Belgiens Justizminister Stefaan De Clerck forderte Konsequenzen seitens der Kirche, Kirchenführer zeigten sich sprachlos und entsetzt.

Am Donnerstagabend überraschte der private flämische Fernsehsender VT4 die Zuschauer mit dem Exklusiv-Interview, das in der zentralfranzösischen Stadt Salbris geführt wurde. Irgendwo im Loiretal hält sich Vangheluwe in einem Kloster auf, seit ihn der Vatikan jüngst in einer ersten Maßnahme zum Verlassen Belgiens und zu spiritueller und psychologischer Betreuung angehalten hatte. Missbrauchsopfer hatten diese Maßregelung als "Urlaub wie Gott in Frankreich" verspottet. Vatikansprecher Federico Lombardi beeilte sich zu versichern, weitergehende Maßnahmen könnten folgen.

Vangheluwe selbst aber sieht in dem Interview keinen Grund, sich etwa in den Laienstand zurückversetzen zu lassen. Selbst die psychologische Betreuung scheint ihm übertrieben. Schließlich seien die Übergriffe bereits vor 25 Jahren beendet worden, und er könne nicht verstehen, warum er jetzt, ein Vierteljahrhundert später, plötzlich eine Behandlung nötig haben solle.

"Als Spiel" angefangen
Alles habe "als Spiel" angefangen, sagt der heute 74-Jährige auf die Frage, wie es denn 1976 begonnen habe mit dem damals fünf Jahre alten Neffen. Weil es nicht genug Schlafgelegenheiten gab, habe der Neffe bei Familienbesuchen eben bei ihm im Bett gelegen. 13 Jahre dauerte an, was Vangheluwe in dem Interview mit den Worten beschreibt: "Es war keine rohe Sexualität." Das sei nicht weit gegangen, "das war ein bisschen eine Beziehung". Und schließlich: Ja, anfangs ein paarmal, sei das auch mit einem zweiten Neffen "ein bisschen passiert".

Jürgen Mettepenningen, belgischer Theologe und für kurze Zeit im vergangenen Jahr Sprecher der Belgischen Bischofskonferenz, fühlte sich nach eigenem Bekunden nach dem Interview kotzübel. Josef De Kesel, Vangheluwes Nachfolger als Bischof von Brügge, sprach von Ohnmacht, Trauer, Schmerz, Entsetzen. Sein Amtsbruder Harpigny, Bischof von Tournai, äußerte die Vermutung, Vangheluwe sei ein schwer kranker Mann. Alle äußerten sich schockiert angesichts der Wirkung, die das Interview auf Missbrauchsopfer haben müsse.

Große Bestürzung
Auch in der belgischen Politik löste das Gespräch Bestürzung aus. Die Kirche müsse reagieren, verlangten Justizminister De Clerck und Verteidigungsminister Pieter De Crem, beide Zentrumspolitiker. Von den Sozialisten wurde die Forderung erhoben, dem Ex-Bischof die Pension in Höhe von rund 2.800 Euro monatlich zu sperren. Auch Grüne und Liberale äußerten sich entsetzt und betroffen.

Opferanwälte machten darauf aufmerksam, dass einiges, was Vengheluwe sage, nicht stimmen könne und längst widerlegt sei. Die zuständige Staatsanwaltschaft wurde in Medien mit den Worten zitiert, strafrechtlich sei auch der jetzt eingestandene zweite Missbrauchsfall verjährt.

Zahlreiche neue Missbrauchsfälle
Für Belgiens Kirche kommt das Auftreten Vangheluwes mehr als ungelegen. Vor einem Jahr löste sein Rücktritt einen Skandal aus, der noch längst nicht aufgearbeitet ist. Im Gefolge seines Geständnisses lösten sich die Zungen. Zahlreiche neue Missbrauchsfälle in der Kirche kamen ans Licht - zumeist schon lange verjährt. Die belgische Justiz ermittelte mit teils brachialen Methoden, ob es seitens der kirchlich Verantwortlichen Vertuschung gegeben habe. Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss arbeitete monatelang die Vorgänge auf; erst vor wenigen Wochen legte er seinen Abschlussbericht vor.

Verhalten übten Bischöfe Kritik am Vatikan, der sich lange Zeit ließ, um Konsequenzen aus dem Missbrauchsfall Vangheluwe zu ziehen. Antwerpens Bischof Johan Bonny ließ öffentlich wissen, er vermisse in der Mitteilung zu den ersten gegen den Ex-Bischof ergriffenen Maßnahmen ein Wort zur Schwere der Tat und eine Entschuldigung an die Opfer. Bischof Guy Harpigny von Tournai äußerte jetzt die Hoffnung, der Vatikan werde reagieren, "wie es sich gehört".

Christoph Lennert

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