20.07.2010

Vor einem halben Jahr schrieb Schulleiter Mertes an ehemalige Schüler "Diese Dimension war mir nicht klar"

Als Pater Klaus Mertes am 20. Januar 2010 an die potentiell von Missbrauch betroffenen Jahrgänge seiner Schule schrieb, ging es ihm vor allem um die ehemaligen Schüler. "Ansprechbarkeit signalisieren" wollte er, so der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs im Interview mit domradio.de ein halbes Jahr später. Mit dem Beben, das die Katholische Kirche in Deutschland bis heute erschüttert, rechnete er nicht.

domradio.de: Wie schwer war es, diesen Brief zu schreiben?

Mertes: Ich habe mich gar nicht mutig gefühlt, als ich den Brief geschrieben habe. Zumal ich ja überhaupt nicht ermessen konnte, dass er eine solche Auswirkung haben würde. Für mich war das eigentlich ganz leicht, diesen Brief zu schreiben. Ich sah überhaupt keine Alternative. In dem Moment, in dem ich erfahre, dass an der Schule, an der ich heute Schulleiter bin, in den 70er und 80er Jahren mehr als 100 Jugendliche systematisch missbraucht worden sind, d.h. von den Tätern systematisch in Fallen geführt worden sind, in denen sie dann missbraucht wurden, habe ich mich eben verpflichtet gefühlt, zu reagieren.

domradio.de: Wie haben Sie gemerkt, dass es ein System gab?

Mertes: Ich hatte zwei Meldungen von Opfern 2006 und 2008, die jeweils um absolute Diskretion baten. Und die mir das als Einzelereignisse darstellten und das mit dem Wunsch nach einem Gespräch mit mir verbanden, vielleicht im Rahmen eines therapeutischen Prozesses, ich weiß es gar nicht mehr genau. Als dann im Dezember 2009 drei weitere Meldungen kamen, hatte ich schon die Möglichkeit, den Vergleich mit den anderen - die einander nicht kannten - zu sehen: das ist absolut glaubwürdig, das ist genau dasselbe Schema wieder. Dann hatte ich noch ein Gespräch mit den Dreien, die sich einzeln bei mir gemeldet hatten zu dritt, die hatten sich einander gegenüber als Opfer geoutet. Und hatten den Wunsch mit mir zu sprechen, weil sie auch den Wunsch hatten, zurückkehren zu können in ihre Abitur-Jahrgänge, die demnächst Jubiläen feiern. Das ist ja ganz furchtbar, wenn der Lehrer oder der Pater, der missbraucht hat, da eben auftaucht. Jedenfalls ist mir in diesen Erzählungen die Systematik klar geworden. Das bedeutet eben zum Beispiel in dem einen Fall, in der Jugendarbeit, dass der damalige Pater, der das gemacht hat, das Leiter werden in der Jugendarbeit an bestimmte Bedingungen verknüpfte - zu denen bestimmte Gesprächskonstellationen gehörten, in denen sie dann missbraucht wurden.

Die Bereitschaft, sich missbrauchen zu lassen oder nicht, war in gewisser Weise eine Voraussetzung dafür, Leiter zu werden. Das meine ich mit Systematik. Das kann man ja ganz schnell hochrechnen und sagen: Wenn der zehn Jahre bei uns war und pro Jahr 14 bis 20 Jugendliche an solchen Leiterschulungen teilnehmen, dann ergibt sich daraus eine Zahl von 100 plus x. Das Zweite, das auch schon im Gespräch Thema war: Wie kann so etwas geschehen, ohne dass irgendjemand in der Schule das mitbekommt? Da habe ich die Erfahrungen der ehemaligen Jugendlichen, die heute alles erwachsene Männer im Alter zwischen 40 und 50 sind, ernst genommen, die mir ganz klar sagten, dass alle Versuche, es anzusprechen, gescheitert sind. Da ist mir die doppelte Dimension des Missbrauchs deutlich geworden: Einmal die Systematik bei den Tätern. Und noch mal das Versagen der Verantwortlichen in der Institution. Diese Kombination war für mich eine neue Dimension, auf die ich meinte, auch öffentlich reagieren zu müssen, innerhalb der Öffentlichkeit der ehemaligen Schüler.

domradio.de: Aber was war das Ziel?

Mertes: Ich wollte ein Signal der Ansprechbarkeit setzen. Denn es ist ja davon auszugehen, dass die alle auf die eine oder andere Weise versucht haben zu sprechen und zurückgewiesen worden sind. Und wenn das geschehen ist und dort, wo es geschehen ist, muss die "Wiedergutmachung" darin geschehen, dass das damals verweigerte Hören jetzt angeboten wird. Das Ziel war, Ansprechbarkeit zu signalisieren.

domradio.de: Und das ist gelungen?

Mertes: Das ist gelungen. Das Risiko, dass der Brief an die Presse geht, war mir von Anfang an klar. Ich dachte, es würde eine kleine Bewegung in der Lokalpresse geben. Diese Dimension war mir nicht klar.

Das Gespräch führte Angela Krumpen in ihrer Sendung "Menschen" bei domradio.de. Hören Sie hier die Sendung in voller Länge nach.

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